Hanseator

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Einmal im Jahr

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16. Fanclubturnier des Union-Fanclubs Wildauer Kickers in Senzig, 1. Juli 2017

Freitag

Beinahe hätte es wieder nicht geklappt. Vergangenes Jahr waren mir berufliche Verpflichtungen dazwischen gekommen, und nun drohte das traditionsreiche Turnier ein Opfer der extremen Niederschläge in Berlin und Brandenburg zu werden. Dabei stand doch gerade Senzig wie kein anderer Austragungsort in der langen Turniergeschichte für hochsommerliche Temperaturen und Badewetter. Gut, genug Wasser zum Baden war vom Himmel gefallen, dem Vernehmen nach hätte das sogar für Schwimmwettkämpfe gereicht. Und doch gab es noch am Donnerstagabend von den tapferen Veranstaltern grünes Licht.

Also mache auch ich mich am Freitagmittag guten Mutes auf die Reise. Der ausdauernde Regen beim Start verwandelt sich während der Fahrt entlang der A24 immer wieder in reißende Sturzfluten, bei denen die Scheibenwischer kaum hinterher kommen. Aber – oh Wunder – kaum sind Stau und Ausweichstrecken durch das Brandenburger Niemandsland überwunden, reißt bei Erkner mit einem Mal die Wolkendecke auf, die Sonne hat sich offenbar wieder auf ihre Kernkompetenz besonnen.

In Senzig angekommen, suche ich erst mal mein Quartier auf. Erfreulicherweise konnte ich nur drei Tage vor dem Turnier noch ein freies Bett im Gasthaus „Zur Pumpe“ ergattern, somit bleiben mir die Strapazen der Übernachtung im Zelt erspart. Auf der Terrasse gibt es gleich ein großes Hallo, denn dort stimmen sich gerade die aus Schottland angereisten Fans vom St. Andrews CSC auf den Abend ein. Nachdem meine persönlichen Sachen im Zimmer verstaut sind, schließe ich mich der lustigen Runde an, wir plaudern ein wenig über vergangene Zeiten, bevor wir uns dann auf den Weg zum Wiesengrund machen.

Auf der traditionsreichen Anlage sind kaum noch Spuren der Sintflut des Vorabends zu sehen, da haben Pumpen und fleißige Helfer ganze Arbeit geleistet. Auch der Rasen – immerhin nicht ganz unwichtig für das Gelingen des sportlichen Teiles – präsentiert sich in überragender Verfassung. Somit kann schon mal die Einteilung der Vorrundengruppen per Neunmeterschießen ohne Probleme über die Bühne gehen. Es gibt erneut künstlerisch sehr wertvolle Versuche zu sehen, den Vogel schießt dabei Celtic ab – bei keinem ihrer drei Versuche überquert der Ball die Torlinie, Zur Belohnung gibt es ein kleines Ständchen: „Shoot like an English – you always shoot like an English!“

Auch sonst verläuft die Eröffnungsparty nach bewährtem Muster: Getränke, Gesänge und jede Menge Gequalme. Dabei gibt es, neben der Freude über das Wiedersehen nach einem langen Jahr des Wartens, diesmal noch einen ganz besonderen Grund zum Feiern. Sandy von den Stauderkommilitonen aus Essen begeht seinen 50. Geburtstag, und das im Kreise von Freunden und Gleichgesinnten aus ganz Fußballdeutschland.

Es versteht sich von selbst, dass der Jubilar zur Gitarre greift und ein paar seiner Songs zum Besten gibt. Das tut er übrigens auch zu Hause sehr oft zugunsten der Aktion „Herzenswünsche“ im Umfeld von Rot-Weiss Essen, die seit einigen Jahren hilft, Kindern aus finanziell schwächer gestellten Familien ihre Weihnachtswünsche zu erfüllen. Und so gibt nur ein passendes Geburtstagsgeschenk für Sandy, und das sind Beiträge in die Spendenkasse. Da lassen sich Fußballfans, egal, welches ihre Lieblingsfarben sind, nicht lange bitten. Insgesamt landen an den beiden Tagen 520 Euro im Sammelbeutel.

Darauf kann man sich zu Recht auch mal ein Schlückchen genehmigen und so nimmt die Nacht ihren gewohnten Gang, frei nach den Broilers: „Der Letzte, der steht, wird zum Nächsten, der geht.“

Sonnabend

Zum Frühstück gehe ich diesmal zum Bäcker, der auf halber Strecke zwischen Unterkunft und Sportplatz liegt. Ich bin leider ein bisschen spät dran, so dass die draußen verheißenen Erdbeerschnitten leider schon ausverkauft sind, wie auch der Rest des leckeren Sortiments. Soll mal jemand sagen, das Turnier wäre nicht gut für die Region(TM). Die fast leeren Regale erinnern mich an ein Fleischergeschäft in Moskau, an dem ich während einer Urlaubsreise in den 1980er Jahren mal vorbeigekommen bin, nur mit dem Unterschied, dass die netten Verkäuferinnen der Gegenwart nicht, wie ihre damaligen Kolleginnen, hinter der leeren Theke rauchen.

Und ganz leer ist die Backstube ja zum Glück auch noch nicht. Ein bisschen Sandgebäck und Zupfkuchen, dazu ein Pott Kaffee, reichen fürs Erste aus. Ich nehme draußen Platz und sauge das einzigartige Samstagvormittags-Landidyll in mich auf. Zwei alte Freunde begrüßen sich auf brandenburgisch-herzliche Art lautstark: „Ach du Scheiße, auch das noch!“ – „Ich dachte, du lebst gar nicht mehr.“

Ein älterer Herr hält im Vorbeifahren sein Fahrrad an und erzählt den Frühstücksgästen, wie er vor 45 Jahren seinen Hattrick gemacht hat („Drei Dinga inner ersten Halbzeit, weeßte?“) und zur Belohnung dafür nach dem Spiel von seinem Torwart nach allen Regeln der Kunst abgefüllt wurde. Dann steigt er wieder aufs Rad und fährt weiter, noch bevor ich ihn einladen kann, einfach auf ein paar Bierchen vorbei zu schauen.

Auf meinem Weg zum Sportplatz kommt mir ein Krankentransportwagen entgegen, die Straße vom Wiesengrund herunter, beim Einbiegen auf die Chaussee nach Königs Wusterhausen schaltet der das Blaulicht ein. Respekt, das ging ja schnell diesmal. Als ich unten eintreffe, hält sich gerade der Torwart der „Komakolonne“ nach einem Zusammenprall die Rippen, kann aber später weiterspielen. Der Spieler im Rettungswagen (aus Hannover) muss leider das Turnier abbrechen, um sich in Wolfsburg (!!, aber Braunschweig wäre wohl die ultimative Höchststrafe) behandeln zu lassen.

Damit kein falscher Eindruck entsteht – die Spiele sind nicht unfair, allerdings ist doch bei dem einen oder anderen etwas zu viel Ehrgeiz im Spiel, jedenfalls in der frühen Turnierphase. Das gibt sich dann aber mit zunehmender Turnierdauer, schon nach der Hälfte der Gruppenspiele sieht man sogar Teilnehmer heimlich, hinter vorgehaltener Hand lachen. Am lautesten lachen am Ende die Einheimischen, das Team „Dorfbrenner“ aus Senzig holt sich im Finale den Titel gegen die Serienfinalisten aus Köln.

Als Nichtaktiver (ich erhole mich immer noch vom Turnier der Hansafans Schwerin eine Woche zuvor) nutze ich die Zeit, alte Verbindungen zu pflegen und gleichzeitig unseren schottischen Gästen neue Trink-Erfahrungen zu verschaffen. Die berüchtigten Eierlikör Ultras sind mit einer kleinen Abordnung vertreten und lassen uns freundlicherweise an ihrem Training teilnehmen. Der irritierte Gesichtsausdruck, mit dem Paul, Willie und Yvonne beobachten, wie sich eine ihnen unbekannte, gelblich-glibberige Substanz zähflüssig in einen Schokobecher hinein quält, wird nur noch von dem gequälten Lächeln übertroffen, das die Berührung der Zunge mit dem Stoff hervorruft. Also, Pfeffi haben sie inzwischen durchaus als vollwertiges Getränk akzeptiert und auch schon für die Heimreise besorgt, aber dieses Zeug – what the f…?

Letztlich ist das sportliche Ergebnis ja doch irgendwie zweitrangig. Was haben sich zum Beispiel die Teams aus Lübeck und Hannover gefreut, im letzten Spiel (um Platz 19/20) endlich auf gleichaltrige und gleich betrunkene Kontrahenten zu treffen. Eine schöne Idee sind auch die gemeinsamen Mannschaftsfotos nach den K.O.-Spielen. Das abschließende, gemeinsame Foto aller Turnierteilnehmer auf dem Senziger Rasen wird dann zum Statement für unsere gewachsene Fankultur: Getrennt in den Farben, vereint in der Sache.

Zur rauschenden Abschlussparty haben die Kickers ein außergewöhnliches musikalisches Duo an Land gezogen. „Zig Zag“ besteht aus dem Sänger und Loop-Artisten Ille Hamma und dem Gitarristen und Sänger Sascha the Pascha, beide sorgen für eine unglaubliche Stimmung, wie ich sie bei früheren Turnieren, wo es durchaus immer ordentlich zur Sache ging, in der Intensität nicht erlebt hatte. Kein Musik-Genre ist vor den ausgefeilten Interpretationen sicher, absolutes Highlight ein Lied, das Ille für Rammstein geschrieben hat. Das würde ich zu gern mal von der Band hören. Der Auftritt gipfelt in einer langen Jam-Session mit Sandy, bei der wirklich kein Auge trocken bleibt. Schaut euch im Sommer mal entlang der Ostseeküste um, da könnt ihr „Zig Zag“ nahezu täglich irgendwo erleben, auf jeden Fall eine interessante Erfahrung.

Was bleibt vom Turnier 2017?

Zunächst hat Senzig wettertechnisch seine Unschuld verloren. Kein Vergleich mit den Regenschlachten in Wernsdorf, aber die Sommergarantie ist dahin. Was soll‘s, sind ja keine Schönwetterfußballer.

Turnieratmosphäre, Sportsgeist und natürlich das Zusammengehörigkeitsgefühl über Vereinsgrenzen hinweg sind immer noch unvergleichlich. Schön, dass Partys und Geburtstage eben nicht zwangsläufig „aus dem Ruder laufen“ müssen, bloß weil mal kein Fernseher zur Verfügung steht.

Vor allem aber ein großes Dankeschön an die Wildauer Kickers für die erneut erstklassige Vorbereitung und Organisation, für die Begeisterung, die man jedem von euch anmerkt, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.

Und niemals vergessen … Senzig ist nur einmal im Jahr. Wir sehen uns 2018!

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