Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Wir haben immer noch uns

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Wieder geht ein Jahr zu Ende, ein Jahr mit Licht und Schatten, sehr viel Schatten. Der folgende Text ist Menschen gewidmet, die für eine große Menge Licht gesorgt haben und hoffentlich noch lange sorgen.

Feine Sahne Fischfilet: „Nie daran geglaubt“-Tour 2016

Columbiahalle, Berlin, 16. Dezember 2016

Zu dritt treten wir am Freitagnachmittag die Reise in die Hauptstadt an. Nach vergleichsweise entspannter Fahrt auf der A24 müssen wir auf dem Weg zu unserer Unterkunft in Neukölln verkehrsbedingt einen kleinen Umweg durch Ostberlin einlegen, erreichen diese aber annähernd im Zeitplan. Schnell die Sachen im Zimmer verstaut, dann steht auch schon ein Taxi vorm Hotel, das uns zur Columbiahalle bringt.

Der Trip im Elektroauto führt über verschlungene Pfade abseits der Hauptstraßen, wofür wir beim Aussteigen natürlich gern einen kleinen Sightseeing-Zuschlag von 6 Euro gegenüber dem Preis der späteren Rückfahrt auf direktem Weg löhnen. Drauf geschissen, Hauptsache wir sind rechtzeitig da. Vor der Halle wechselt schnell noch ein überzähliges Ticket den Besitzer, diesen in der Menschenmenge auf dem dunklen Bürgersteig vor der Halle zu finden, ist dank exakter Ortsbeschreibung kinderleicht: „Ich stehe gleich neben dem Sixpack.“ Läuft.

Wir verdrücken uns noch einmal kurz, um ein bisschen Nahrung aufzunehmen. Während wir uns in einem kleinen Imbissladen in der Dudenstraße Pizza, Pasta und Pollo schmecken lassen, donnert draußen eine Kolonne grün-weißer Partymobile mit voller Festbeleuchtung und aufgedrehten Sirenen vorbei. Das Ziel dieses Betriebsausfluges ist nicht bekannt, zu unserem Konzert wollen die aber offenbar nicht, denn als wir wieder vor der Halle eintreffen, ist die Luft rein, unser „Sixpack“ hat sich nicht weiter vermehrt.

Aus dem Inneren dringt musikalisches Geräusch nach draußen, höchste Zeit hineinzugehen. Wir finden Plätze auf dem Balkon, die nicht nur gute Sicht bieten, sondern vor allem verhindern, dass wir dem späteren Dauer-Pogo im Erdgeschoss zum Opfer fallen. Man ist nun mal nicht mehr der Jüngste, auch die Krankenkasse wird es freuen. Wir sehen und hören noch ein paar Songs des heutigen Supports „The Movement“ aus Kopenhagen, es ist meine erste Begegnung mit dieser Band, das Gehörte gefällt mir ausnehmend gut. Stilsicher erklingt zum Abschluss des Auftrittes die Internationale, wahrscheinlich glühen schon jetzt die Verfassungsschutz-Ohren, dann beginnt die Vorbereitung auf das Hauptereignis.

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Viertel Zehn (für Leser westelbischer Sozialisierung: 21:15 Uhr) startet das Spektakel mit einem urknallähnlichen Opener: Hinter einem großen Vorhang sieht man Monchis Schatten im Licht eines einsamen Scheinwerfers tanzen, die ersten Gitarrentakte von „Für diese eine Nacht“ erklingen, bei den Worten „Gehen oder Bleiben“ fällt der Vorhang, ein Konfettiregen ergießt sich über dem ganzen Saal, das Publikum unten befindet sich ab sofort im euphorischen Ausnahmezustand, der in den nächsten zwei Stunden nicht nur nicht abreißen, sondern kontinuierlich an Intensität zunehmen wird.

Ich beglückwünsche mich angesichts der ununterbrochenen Bewegung auf dem Parkett innerlich nochmals zu meinem sicheren Balkonplatz, bevor mich die Musik in eine Art Trance versetzt. Das Set enthält vor allem Songs der letzten beiden Alben, es kommen aber auch Perlen aus dem frühen Schaffen der Band zu Ehren: „Wenn du mich fragst, wo’s am schönsten war …“.

Natürlich darf auch ein wichtiges Stück mecklenburg-vorpommerscher Hochkultur dieses Jahres nicht fehlen. Nach einem eindringlichen Appell, Menschen nicht anhand von Äußerlichkeiten oder so nebensächlichen Dingen wie ihrem persönlichen Musikgeschmack zu beurteilen und in Schubladen zu stecken, erklingen „Was wir hatten / Alles zu nichts“ aus dem Volkstheater-Stück „Feuerherz“, sozusagen, um den Menschen in Berlin mal ein bisschen Kultur vom (platten) Lande zu vermitteln. Sogar einen Ausblick auf die Zukunft gibt es, passend zur Rückschau auf zehn unglaubliche Jahre als Band und den wiederkehrenden Gedanken, ob und wie lange diese schönste Zeit des Lebens wohl so weiter gehen kann, spielen die Jungs das neue „Wir haben immer noch uns“ – ein Song, der das Zeug zur Hymne hat.

Im Verlauf des Abends werden immer wieder Gäste auf die Bühne geholt, Die Familie darf bei „Geschichten aus Jarmen“ natürlich nicht fehlen, Schwitzkasten gibt es gratis. Daniel aus Burg Stargard, der seinen Gasthof Klüschenberg für eine Veranstaltung der Kampagne zur Landtagswahl „Noch nicht komplett im Arsch“ zur Verfügung gestellt hat und sich auch von unmittelbarer Bedrohung durch die örtliche Naziszene nicht davon abhalten ließ, wird vom Publikum gefeiert und mit einer Surfingrunde belohnt.

Apropos getragen: Die Balkonbrüstung bietet erstklassige Möglichkeiten, das Crowdsurfing auf eine völlig neue Ebene zu heben. Zunächst klettern Max und Jacobus über die Balustrade und testen beim Synchron-Balkondiving, ob das Berliner Publikum schon für größere Aufgaben bereit ist, das diese Prüfung mit Bravour besteht. So ist es nur konsequent, dass später auch Monchi zur Tat schreitet. Es ist nicht ganz klar, wer mehr Angst hat – der Sänger selbst oder doch die unter ihm wartenden „Fänger“. Aber getreu der Devise „Nich‘ lang schnacken“ stellen sich beide Seiten der Herausforderung und Monchi nimmt sein Bad in der begeisterten Menge. Wie sagt man immer so schön: Das Publikum trägt den Künstler – buchstäblich.

Noch einmal geht Monchi an körperliche Grenzen, als er beim Zünden einer kleinen Fackel (Indoor-tauglich natürlich!) hinter seinem Rücken diesem etwas zu nahe kommt. Ich mache mir kurz Sorgen, dass gleich Johannes B. Kerner aus der Kulisse nach vorn stürmt und mit der Fackel eine Schaufensterpuppe anzündet, wobei er hysterisch „Siehste!“ schreit. Aber alles geht gut.

Der Abend endet harmonisch, natürlich viel zu schnell, aber wir haben ja Glück, dass noch zwei weitere Konzerte in Hamburg auf dem Plan stehen. Auf dem Heimweg kehren wir kurz auf einen Absacker im „Umsteiger“ ein, einer Kneipe neben dem seit ein paar Tagen berühmten U-Bahnhof „Hermannstraße“. Alt werden wir da aber nicht, am nächsten Morgen müssen wir relativ früh raus, denn wir haben sportliche Verpflichtungen in der Hansastadt.

Große Freiheit 36, Hamburg, 17. Dezember 2016

Nach dem Fußballspiel (äh: war was?) zieht es uns (nun noch zu zweit) mit Höchstgeschwindigkeit in die Stadt an der Elbe, denn schon um 18:30 Uhr soll es in der Großen Freiheit losgehen. Wir kommen wieder gut durch und finden sogar einen Parkplatz gleich um die Ecke. Perfekt, dann können die dicken Jacken im Auto bleiben. (Später wird es so warm, dass ich wiederholt bereue, nicht gleich alle Klamotten im Auto gelassen zu haben.)

Den Support in Hamburg liefert Bull Brigade, feinster Street Punk aus Turin. Zwischendurch gibt es einen Gruß an Fußballfans aller Farben: „Love all supporters, no matter which club. Except for fucking Juventus.“ Auch mal eine Ansage.

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Im Publikum finden sich einige bekannte Gesichter ein, so manche(r) hat den Weg von der Warnow an die Elbe nicht gescheut, direkt vor der Bühne wird wiederholt ein Ropiratenschal präsentiert (ein blauer Farbtupfer im braunweißen Gemenge) und zugleich die familiäre Anwesenheitslinie fortgesetzt: Am Vorabend in Berlin „Ropi-Ralle“ als schwarze Eminenz neben und zeitweise sogar als Fotojapper auf der Bühne, heute nun die Tochter und Freunde in Hamburg.

Wir verfolgen das Konzert wieder aus erhöhter Perspektive, dankenswerter Weise bietet auch die Große Freiheit altersgerechte Plätze auf dem Rang an. Links oben vor der Bühne haben wir einen ausgezeichneten Blick auf das Geschehen unter uns. So schwer das noch gestern vorstellbar war, muss ich doch sagen, dass die Intensität des Erlebens noch mal zugenommen hat. Der etwas kleinere Raum erfordert ein echtes Zusammenrücken der Konzertbesucher, die schon in Berlin beobachtete Pogo-Komplettbeteiligung auf dem Parkett lässt im gesamten Gebäude nicht eine Faser trocken.

Nach der Eröffnungsfrage, wer eigentlich um alles in der Welt ein Konzert an einem Samstagabend um 19:30 Uhr beginnen lässt, legt Feine Sahne erneut los, als gäbe es kein Morgen. Ein bisschen gespannt bin ich, ob „Ostrava“ auch hier gespielt wird, aber da gibt es erfreulicherweise keine Berührungsängste auf beiden Seiten. Getrennt in den Farben, vereint in der Sache, hihi.

Einige weitere Rostocker haben es übrigens noch in die erste Reihe geschafft, es handelt sich um ein paar Leute, mit denen Monchi kürzlich einige Tage in Nepal war, wo die Gruppe regelmäßig soziale Projekte betreut. Wer mehr dazu wissen und vielleicht unterstützen möchte, kann sich hier informieren. Sogar ein kleines Gastgeschenk haben sie mitgebracht: eine 0,7er Granate Pfeffi, deren Inhalt sich gleich nach Öffnung über Monchis Kopf ergießt. Love is in the air!

Dreiviertel Zehn (na, liebe Hamburger?) ist das Konzert zu Ende, wir machen uns auf den Heimweg, der Mietwagen muss abgegeben werden und Basti, mein Begleiter, will am Sonntag hoppen. Obwohl es um die verflossene Fußballliebe meiner Jugend geht, muss er dabei auf mich verzichten, denn ich habe am Sonntag ja schon etwas vor.

Große Freiheit 36, Hamburg, 18. Dezember 2016

Heute bin ich nun allein unterwegs, am frühen Nachmittag breche ich auf und treffe noch bei Tageslicht am Zielort ein. Um mir die Zeit zu vertreiben, bummle ich ein bisschen über (Eigenwerbung) „Hamburgs geilsten Weihnachtsmarkt“ auf dem Spielbudenplatz. Kiezromantik, as Kiezromantik can. Ich probiere einen Bratapfelpunsch mit Schuss, der ist tatsächlich nicht ganz unlecker. Weitere exotische Getränke verkneife ich mir, obwohl diese durchaus verlockende Namen tragen. Ich bringe es aber trotzdem nicht über’s Herz, eines der Tresenmädchen nach einem Fick zu fragen. Sexismus ist kein Fangesang. Außerdem muss ich ja auch noch fahren.

Bis die Türen um 19 Uhr öffnen, lasse ich mich noch ein bisschen im „Zwick“ nieder, im TV läuft Fußball, untermalt mit sehr anständiger Musik. Auf meinem Weg zur Großen Freiheit pfeift auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Frau ihrem Hund hinterher, der irgendwo zwischen den Autos herumzukriechen scheint. Moment mal, da ist gar kein Hund, die meint mich! Will die mir auch irgendwelche exotischen Angebote unterbreiten? Och nö, das tut jetzt echt nicht not, nichts wie weg.

In der Großen Freiheit gehe ich gleich nach oben auf den Balkon, heute schaue ich mir alles von der rechten Seite aus an. Die Sicht auf die Bühne ist noch ein bisschen besser als gestern, außerdem werde ich später während des Konzertes sogar unmittelbar vor mir erleben können, wie Max sich vom Balkon aus ins Publikum stürzt. Eine Etage tiefer hat Maik vom „Übersteiger“ seinen Platz gefunden, wir winken uns gegenseitig zu, wie es sich für Fans befreundeter Vereine gehört. (Das schaffen echt nicht viele Bands, fast so eine Art Fußball-Ökumene.) Meinen uneingeschränkten Respekt für seine sportliche Platzwahl bekommt er auf jeden Fall.

Apropos sportlich: Die Security, insbesondere im Bühnengraben, vollbringt an allen drei Abenden nahezu übermenschliche Leistungen bei der Entgegennahme und dem sicheren Absetzen der Crowdsurfer, nebenbei dürfen sie sich auch noch als Getränkeboten von der Bühne ins Publikum betätigen, und das ohne selbst etwas abzubekommen. Die Jungs machen allesamt einen fantastischen Job.

Während ich darauf warte, dass es losgeht, fällt mir auf, dass an drei aufeinanderfolgenden Abenden die Musik vom Band nie die gleiche war, abgesehen von den drei Stücken unmittelbar bevor Monchi & Co. die Bühne stürmen. Der dritte Abend in Folge wird seinen beiden Vorgängern in nichts nachstehen. Im Gegenteil, als letztes Konzert der Tour haftet jedem einzelnen Song, jeder Ansage etwas endgültiges an, das man förmlich in sich aufsaugt, um es irgendwie zu speichern für die Zeit „danach“.

Das Sonntagspublikum ist nicht mehr ganz so extrem am Pogen wie tags zuvor, dafür übertrifft die Lautstärke beim Mitsingen alles, was ich bei Feine Sahne in den letzten Jahren miterlebt habe. Ein Hamburger Publikum dreht komplett durch und explodiert zu den Worten „Wasted in Jarmen“. Bei „Warten auf das Meer“ raubt mir die Intensität der Textzeile „Ich vergesse nie die Tage draußen auf dem Meer“ fast den Atem, es ist unbeschreiblich.

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Die Musiker nutzen den letzten gemeinsamen Abend der Tour für umfangreiche Danksagungen, von denen zwei ganz besonders unter die Haut gehen. Einer der Organisatoren des legendären Marteria-Auftrittes im Sommer beim Demokratiebahnhof Anklam (sorry, ich habe mir leider den Namen nicht merken können) steht stellvertretend für viele geile Leute, die dafür sorgen, dass Mecklenburg-Vorpommern eben nicht komplett im Arsch ist, auf der Bühne. Derzeit läuft ein Crowdfunding-Projekt, dessen Ziel die Einrichtung eines Bandprobenraumes im Bahnhof ist. Jede Unterstützung ist willkommen, damit Anklam rockt.

Und am Ende verabschiedet sich die Band von ihrem langjährigen Freund, Mentor und Techniker „Mecke“, der sich in Zukunft anderen Projekten widmen möchte.  Eine Menge Emotion, ein bisschen Pathos, aber vor allem ein berührender, zu Herzen gehender Abschied setzt den Schlusspunkt hinter drei sensationelle Abende, hinter eine Tour der Superlative.

Mein Konzertjahr 2016 endet, wie es begann – mit einem Wochenende Feine Sahne Fischfilet. Da gibt es, weiß Gott, schlechtere Möglichkeiten, die Latte liegt jetzt hoch für die Zukunft. Aber egal, was kommt –

Wir haben immer noch uns!

 

Setlist

Für diese eine Nacht / Dorffeste im Herbst / Mit Dir / Solange es brennt / Stumme Menschen / Nur Applaus / 48 Knoten / Glitzer im Gesicht / Hast du kapiert? / Geschichten aus Jarmen / Ostrava & Solidarität / Ich glaube dir / Was wir hatten & Alles zu nichts (Feuerherz) / Warten auf das Meer / Dienstag Nacht / In unseren Augen / Wir haben immer noch uns / Komplett im Arsch

Brennen / Lass uns gehen / Wut / Weit hinaus

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