Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

One team in Glasgow?

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Zweiter Tag, 26. November 2016

Partick Thistle F.C. – Rangers F.C. 1:2, Firhill Stadium

Das Programm des zweiten Tages findet in verschiedenen Gruppen statt: Die Glengoyne Distillery lockt mit Tasting und Speisen, woran sich zwei Drittel der Reisegruppe beteiligen, und im Glasgower Westen rollt der Ball, wobei acht von uns dabei sein werden.

Anstoß ist schon um 12:15 Uhr, also brechen wir ohne unnötige Kunstpausen mehr oder weniger direkt vom Frühstückstisch zum Firhill Stadium auf. Getreu der alten Weisheit „Getrennt marschieren, vereint zuschlagen“ setzen wir uns in zwei Gruppen in Bewegung. Fraktion „Knie“ besteigt zu viert ein Taxi, die restlichen vier nehmen die bereits gestern von mir beschrittene Route mit der U-Bahn, im „Woodside Inn“, dem letzten Pub an der Strecke, werden wir uns wiedervereinigen und noch ein Getränk zu uns nehmen.

Die bevorzugte Verweildauer beim „Vorspiel“ ist innerhalb der Gruppe unterschiedlich ausgeprägt, ich bin nicht so der Typ, der erst eine Minute vor dem Anpfiff seinen Platz auf der Tribüne einnimmt, sondern bin immer gern etwas früher im Stadion, auch um etwas „Atmosphäre zu saugen“ (endlich kann ich das mal verwenden).

Erneut bilden sich zwei Vierergruppen, Gruppe „Bier“ holt sich erst mal noch eins, während Team „Sauger“ zum Stadion geht. Wir erscheinen genau im richtigen Moment vor Ort, als gerade Kingsley, das berühmt-berüchtigte Maskottchen der Gastgeber, seinen Dienst antritt. Das Wesen, dessen Aussehen und Gestalt sich jeder Beschreibung verweigern, hat eigentlich einen eigenen Text verdient. Und den gibt es sogar, ein äußerst lesenswerter Artikel in der aktuellen Ausgabe der 11 Freunde (Heft 181/Dezember 2016):

11freunde

Die Gelegenheit, sich jetzt mit einem mutigen Selfie für immer unsterblich zu machen, ist verlockend, aber keiner von uns bringt die nötige Courage auf. So gehen wir ins Stadioninnere, wobei ich vor allem erleichtert bin, dass ich immer noch durch das unfassbar enge Drehkreuz passe. Wir haben Plätze auf der einzigen Hintertortribüne (North Stand), in der Nähe des kleinen, aber feinen Thistle-Supporterblockes. Ich suche meine Platznummer, als mir ein Steward sagt, ich könne mich gern setzen, wohin ich will. Der Heimbereich ist, wie sich schon beim Kartenkauf abzeichnete weit davon entfernt, ausverkauft zu sein.

Noch immer leicht traumatisiert (dabei war ich ja noch im Vorteil, dank 11-Freunde-Vorwarnung) von der Live-Begegnung mit „Kingsley“ achten wir auf ausreichenden Abstand vom Rasen, wo das Geschöpf seine Kreise zieht und geduldig für ein Foto nach dem anderen mit den vor Begeisterung fast durchdrehenden Kids posiert. Begeisterung rufen, wie bei jedem Stadionbesuch, die überaus körperbetont bemessenen Sitzschalen hervor. Ich vermute ja inzwischen, dass die Drehkreuze am Einlass neben der „Vereinzelung“ der Zuschauermassen in erster Linie gewährleisten sollen, dass nur Personen ins Stadion gelangen, die auf den Stadionsitzen Platz finden. Zumindest heute muss uns das nicht weiter bekümmern, wir haben ausreichen Gelegenheit zur Entfaltung und genügend Bewegungsspielraum.

Die Stimmung auf unserer Tribüne ist recht ordentlich, ein kleiner, sangesfreudiger Haufen singt tapfer gegen den zahlenmäßig überlegenen Rangers-Anhang an, der sich über weite Strecken des Spiels ziemlich zurück hält. Es ist (natürlich!) nicht das Old Firm, aber als Derby würde ich es schon durchgehen lassen, noch dazu spielten die Rangers in den letzten Jahren ja noch eine bis mehrere Spielklassen tiefer, Grund genug, sich lautstark in Erinnerung zu bringen. Das Spiel ist allerdings gerade in der ersten Halbzeit aus Gästesicht überaus bescheiden und gibt nicht viel Anlass, mal den Lauten zu machen. Bessere Torchancen  haben jedenfalls die Gastgeber, trotzdem steht es zur Pause 0:0.

Die zweite Hälfte sieht deutlich stärkere Rangers, einige Male wird es gefährlich vor dem Tor des früheren Braunschweigers Thorsten Stuckmann, der mit seiner stattlichen Erscheinung ein beeindruckendes Bild abgibt. Eine Viertelstunde vor Schluss fällt das 1:0 für Partick, auf unserer Tribüne geht nun richtig die Post ab. „There’s only one team in Glasgow“ schallt es den Blauen entgegen, gefolgt von „We’re Partick Thistle, we score when we want.“ Menschen aller Altersgruppen pöbeln Richtung Gästetribüne, dass es eine wahre Freude ist. Und neue Vokabeln kann man bei der Gelegenheit auch gleich noch lernen. Nötig ist das allerdings nicht, denn Fußballpöbelei ist nun mal eine internationale Sprache. Einer unserer Sitznachbarn erzählt uns voller Stolz und mit angefeuchteten Augen, dass nun endlich das zwanzigjährige Warten auf einen Sieg gegen den Stadtrivalen ein Ende hat.

Leider währt die Freude nur kurz. Fünf Minuten später gelingt den Rangers der Ausgleich. Zum ersten Mal erahnt man das volle Lautstärkepotenzial des Gästeanhangs. Sogar ein kleines rotes Wölkchen steigt gen Himmel, der Rauchkörper wird aber schnell und unaufgeregt gelöscht. Nachdem es weiter geht, haben beide Mannschaften noch ihre Möglichkeiten. Als sich die Zuschauer mit dem Unentschieden abzufinden scheinen, schlägt der Ball in der 94. Minute nochmals im Thistle-Tor ein und trifft die stolzen Gastgeber mitten ins Herz – Tabellenletzter. Jetzt singt der Rangers-Block genüsslich „One team in Glasgow“, während die Heimfans enttäuscht abziehen. Wer weiß schon, wann sie wieder so dicht an einem Erfolg gegen die Blauen dran sein werden?

Die Enttäuschung scheint sich über den ganzen Stadtteil zu legen, im „Woodside Inn“, wohin es uns nach dem Spiel zieht, fällt aus Protest der Strom aus, so dass der Pub geschlossen bleibt – ein Albtraum für jeden Gastronomen nach einem Fußballspiel. Auf unserem Weg zur U-Bahnstation kommen wir am „Royalty“ vorbei – blau angestrichen und bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Rangersfans gefüllt. Wollen wir da wirklich rein? Ginge es nach Mayk, unserer alten Bierhure, wäre die Sache klar: „Ich würde sogar mit HSVern trinken, solange sie Bier haben.“ Letztlich müssen wir die Frage nicht beantworten, denn es ist absolut kein Durchkommen zum Tresen möglich.

Die Fahrt mit der U-Bahn ins Zentrum wird zu einem prägenden Erlebnis für alle Beteiligten. Ralle, der ohnehin überall Bewunderung für seine Statur erntet, ist die absolute Attraktion, als er beim Betreten des Waggons beinahe für eine Komplett-Verdunkelung im Inneren sorgt. Dennoch finden wir alle Platz und gelangen sicher zur Station St. Enoch’s, von wo aus wir zum gemütlichen Teil übergehen. Im sehr gut besuchten „Royal Scot“ (dem einen oder anderen noch unter dem Namen „The Goose“ bekannt) stärken wir uns für den weiteren Tag.

Später am Abend kommt es zum Wiedersehen mit den Glengoyne-Touristen, die offenbar einen anstrengenden, ereignisreichen Tag hinter sich haben, in dessen Verlauf ihnen mehrfach der Highland erschienen sein muss. In der „Press Bar“ demonstriert Pfütze, unser ausgebuffter Reiseleiter, sein neuestes Geschäftsmodell: Mit der nachmittäglichen Investition in eine Flasche Whisky sichert er sich die kostenlose und unaufgeforderte Getränkeversorgung für den Rest des Abends. Das lohnt sich wirklich, da das komplette Glengoyne-„Personal“ in der Bar versammelt ist.

Während der Uhrzeiger unbeirrt seine Kreise zieht, gerät die Bar mehr und mehr in Rostocker Hand, nur ein einsamer Cousin von Pep Guardiola schüttet gedankenverloren eine Flasche Beck’s nach der anderen in sich hinein. Wir erheben zusammen mit Ian, einem Stammgast der Press Bar, die Gläser auf seinen Vater. Ian hat immer ein gerahmtes Foto des vor wenigen Wochen Verstorbenen bei sich, wenn er die Bar besucht. Die Vorstellung, zusammen mit seinem Vater an einem Ort zu sein, den dieser sehr gemocht hat, hilft ihm ein bisschen durch die schwere Zeit. Besinnlich gleitet unser zweiter Abend in Glasgow in den Adventssonntag hinüber.

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