Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Still brilliant after all these years*

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Paul Simon im Tempodrom Berlin, 20. Oktober 2016

Rechtzeitiges Erscheinen sichert gute Plätze, rechtzeitiger Ticketkauf manchmal sogar noch mehr. Wenn beides zusammentrifft, erscheint man viel zu früh am Einlass, so wie ich nach unerwartet störungsfreier Anreise über die A24 und durch erstaunlich dünnen Feierabendverkehr am Donnerstagabend am Berliner Tempodrom, dessen Türen sich erst eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn öffnen. Immerhin erleichtert dies die Suche nach einem Parkplatz enorm, nicht mal fünf Minuten Fußweg entfernt. Darüber hinaus haben sich auch noch keine Schlangen beim mobilen Catering vor der Tür gebildet, es gibt unfassbar leckere Speisen vom Raclette, mit original Schweizer Käse, Walnüssen und Rosmarinkartoffeln. Kann man mal machen.

Um 19 Uhr beginnt der Einlass, ohne ewiges Anstehen oder Gedränge – wozu auch, der Innenraum ist komplett bestuhlt. Unsere Plätze befinden sich in Reihe 2, links vor der Bühne. Als OldscHOOL-Hanseat bin ich erfreut, mich in Block 27 zu finden. Die Sicht auf die linke Bühnenseite wird leider durch einen Lautsprecherturm etwas eingeschränkt, ein Drittel der Band werde ich erst während der Zugaben sehen, als endlich alle im Publikum stehen. Sorgen machen mir aber vor allem die in drei Meter Entfernung aufgebauten Boxen. Soll ich mich tatsächlich ausgerechnet beim doch eher als ruhig geltenden Paul Simon für immer von meinem Gehör verabschieden? Dafür erscheint mir ein Abend mit Helene F. doch passender (Schönen Gruß an das Ehepaar aus Cottbus mit dem Häuschen in der Uckermark, viel Spaß bei Udo Lindenberg im nächsten Jahr auf der Waldbühne!). Wie auch immer, die Ängste werden sich als unbegründet erweisen.

Direkt vor unserer Nase befindet sich ein Durchgang zum Backstage-Bereich. Ein Eindringen ist aber unmöglich, denn die aufmerksame Security kontrolliert natürlich die Pässe. Eine kleine Chance wäre gegeben, wenn man den aufmerksamen Posten mit Fragen nach einem bestimmten Sitzplatz ablenken und weglocken könnte, aber andererseits sind wir aus dem Alter irgendwie doch raus, oder?

Kleinere Personengruppen dürfen ab und zu passieren, es handelt sich dabei vielleicht um Radiogewinnspielgewinner. Eine Gruppe erhält eine exklusive Führung, sogar über die Bühne. Der Guide entpuppt sich später als Multiinstrumentalist (Gitarre, Saxophon, Flöte, Percussions und Gesang) und Herz der hervorragenden Begleitband des Meisters. Sein Name ist (ich gestehe, dies ergooglet zu haben, da es leider keine komplette Bandvorstellung gibt) Mark Stewart. Ungewöhnlich und respektabel, wenn sich ein Musiker weniger als eine halbe Stunde vor seinem Auftritt noch Zeit für persönliche Kontakte mit dem Publikum nimmt.

Es gibt heute keinen musikalischen Support, das Konzert beginnt fast pünktlich mit „Proof“, einem kurzen Instrumental-Intro der großartigen Tour Band. Es erscheint Paul Simon auf der Bühne: Jubel im Saal, der Meister verbeugt sich mehrfach in alle Richtungen, nimmt äußerlich unbewegt kurz die Ovationen des Publikums entgegen und gibt dann mit einer knappen Handbewegung das Startzeichen. Mit „The Boy In The Bubble“, dem Opener seines Jahrhundertalbums „Graceland“ (1986), stehen Bühne und Auditorium sofort unter Strom.

Der Sound im Tempodrom ist erstklassig, so dass der anfangs befürchtete Hörschaden nicht nur ausbleibt, sondern dank einer hervorragenden Abmischung jedes einzelne Instrument in einem beeindruckenden Gesamtklang zur Geltung kommt, mein Gehör scheint jetzt sogar „runderneuert“. Simons Stimme, der man sein Alter (75 Jahre!) nicht im Entferntesten anhört, klingt, ohne zu übertreiben, noch genauso klar wie bei seinen frühen Aufnahmen, und ist das I-Tüpfelchen auf einer musikalisch farbenfrohen Darbietung.

Den Hauptanteil (9 Songs) des Sets steuern die Alben „Graceland“ und „The Rhythm Of The Saints“ bei, ansonsten wird der ganze Katalog des fast 60jährigen Schaffens des Meisters bedient, natürlich auch aus dem Repertoire der legendären Simon & Garfunkel. Der sonst überaus zurückhaltend wirkende Künstler versprüht bei häufigen Tempowechseln geradezu ein Feuerwerk guter Laune, tanzt sogar zu „That was your mother“ im Cajun-Rhythmus und umschifft bei einem der weltweit populärsten S&G-„Hits“ mühelos die bedrohliche Kitsch-Klippe, indem „El Condor Pasa“ nach dem Flötensolo abgebrochen wird und nahtlos in das ebenso folkloristisch angehauchte, aber weit weniger verfängliche „Duncan“ übergeht.

Zwischendurch wird es immer mal wieder spirituell, so wenn Paul vor „Spirit Voices“ von einer Reise auf dem Amazonas erzählt, bei der ihm ein Medizinmann einen äußerst merkwürdigen Trank reichte, nach dessen „Genuss“ er „die Anaconda sehen“ würde. Oder als Gitarrist Vincent Nguini aus Kamerun, seit 25 Jahren an Simons Seite, das Initiationsritual beschreibt, das Paul im zentralafrikanischen Dschungel durchlaufen hat, bevor er „die andere Seite“ erkennen durfte: mit einem Gorilla ringen, einen schwarzen Panter hypnotisieren und eine schwarze Mamba mit bloßen Händen erwürgen.

Das Publikum (in weiten Teilen deutlich älter als ich) erweist sich durchgängig als sehr aufmerksam, der zunehmend stürmischere Applaus setzt fast immer erst ein, wenn auch der letzte Ton eines Songs verklungen ist, eine wirklich tolle Atmosphäre. Nicht alle können der Versuchung widerstehen, auch bei ruhigeren Klassikern wie „Sound of Silence“ mitzusingen, was die klangliche Harmonie in unmittelbarer Umgebung ein bisschen zu beeinträchtigen droht, meist merken es die Betreffenden zum Glück aber selbst. Bei „The Boxer“ ist dann – nicht zuletzt auch auf ausdrücklichen Wunsch von der Bühne – alles egal, der komplette Saal singt den Chorus mit: „Li li li – li li li li li li li …“, schließlich ist es ja doch irgendwie ein Popkonzert.

Das lange Sitzen bei einem Konzert ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber als Paul am Ende des Hauptsets zum Intro von „You can call me Al“ mit beiden Händen die Leute zum Aufstehen auffordert, dauert das im gesamten Saal nicht mal eine Sekunde, von nun an sieht es bis zum Ende der drei Zugabenblöcke auch im Parkett wie bei einem „normalen“ Konzert aus und die Zuschauer sind aktive Mitwirkende.

Den Schlusspunkt hinter einen grandiosen Konzertabend setzt Paul Simon solistisch. Nur mit akustischer Gitarrenbegleitung erklingt „The Sound of Silence“ mit der den Abend so treffend beschreibenden Textzeile:

„… and the vision that was planted in my brain still remains …“

Möge das noch lange so bleiben.

* Ja, das ist ein äußerst dünnes Wortspiel, aber was will man bei Paul Simon auch machen? „Hello darkness my old friend“ wäre irgendwie noch schräger, stimmt’s?

Setlist

Proof / The Boy in the Bubble / 50 Ways to Leave Your Lover / Dazzling Blue / That Was Your Mother / Rewrite / Slip Slidin‘ Away / Mother and Child Reunion / Me and Julio Down by the Schoolyard / Spirit Voices / The Obvious Child / Stranger to Stranger / Homeward Bound / El Condor Pasa (If I Could) / Duncan / The Werewolf / The Cool, Cool River / Diamonds on the Soles of Her Shoes / You Can Call Me Al

Wristband / I Know What I Know / Still Crazy After All These Years

Late in the Evening / One Man’s Ceiling Is Another Man’s Floor / The Boxer

The Sound of Silence

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