Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Noch nicht komplett im Arsch

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Sonntagabend, 18 Uhr: Nun ist es also passiert, nicht wirklich überraschend, aber deshalb nicht weniger erschreckend. Die „Alternative für Deutschland“, neue Partei mit alten Parolen hat bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern das befürchtete Ergebnis – mehr als 20 Prozent der abgegebenen Stimmen – eingefahren. Ex-Radiomoderator (SYSTEMMEDIEN!!!1!EINS!!ELF!!) und Spitzenkandidat Leif-Erik Holm wird im Fernsehen von einer Wahlsendung zur nächsten durchgereicht, ich mag gar nicht glauben, dass dieser smarte, gar nicht unfreundlich wirkende Mann der gleiche aggressive Hetzer ist, den ich in den letzten zwei Wochen zweimal in Schwerin am Rednerpult erlebt habe.

Ebenfalls nicht unerwartet bricht über die Einwohner unseres Bundeslandes ein virtuelles Strafgericht herein, aus fast allen Himmelsrichtungen weisen die Zeigefinger auf das Land im Nordosten, prasseln die mal mehr, meist weniger wohlwollenden „Analysen“ der Aufgeklärten undifferenziert auf das Wahlvolk ein – der Einfachheit halber gleich in seiner Gesamtheit. Eine Journalistin regt schon zwei Tage vor der Wahl an, man solle doch Mecklenburg-Vorpommern (gemeint sind sicher die Einwohner des Landes) noch „vor der Wahl nach Sachsen ausquartieren“ und darf sich auch am Wahlabend des wohlwollenden Beifalls aus den kuscheligen Szenekiezen (pauschal kann ich auch) für Statements wie „Ich mag es an der Westostsee sowieso lieber als an der Ostostsee“ sicher sein oder weiterführender Statements wie „MecklenburgVorpommern, das am dümmsten besiedelte Bundesland.“ (Respekt an Daniel Mack für den mit großem Abstand dümmsten Kommentar zum Wahlausgang) erfreuen.

Was juckt es die Selbstgerechten, wenn dabei zahlreiche korrekte Leute vor den Kopf gestoßen werden, die sich aktiv und nicht nur in der virtuellen Welt dem neuen Zeitgeist entgegenstellen. Lästiges Differenzieren stört nur beim kollektiven Ablästern der Überlegenen. Traurig ist es, dass derartiger Verbalmüll von Leuten abgesondert wird, die doch eigentlich auf der gleichen Seite stehen (sollten).

Egal – so bedrückend das Wahlergebnis vom letzten Sonntag mit seinen Konsequenzen auch ist, sollen darüber doch nicht die wahren Helden der unmittelbaren Vor-Wahlzeit vergessen werden. Sechs Wochen lang waren die Jungs von Feine Sahne Fischfilet im Land unterwegs, um bei vielfältigen Veranstaltungen musikalisch, sportlich und mit anderen Freizeitaktivitäten unter Beweis zu stellen, dass unser Bundesland bei weitem noch nicht komplett im Arsch ist. Zwischen Boizenburg und Wolgast gibt es zahlreiche coole Leute in alternativen Clubs und Projekten, die in teilweise problematischem Umfeld Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellen und somit nicht widerspruchslos das Feld für braune Demagogen und vermeintliche „Heilsbringer“ räumen.

Ich selbst war bei vier dieser Veranstaltungen dabei, in Parchim habe ich sogar mit der Band gespielt. Es war zwar „nur“ Fußball und die Turnierplatzierung war gerade noch einstellig (bei 11 Mannschaften), aber mein kurzzeitiges „Engagement“ bei Feine Sahne Fischfilet kann ich nunmehr fest im Lebenslauf verankern.

Musikalisch konnte ich ein recht breites Sortiment an Bands erleben: The Flexfitz und Antispielismus (beide aus Rostock) in Parchim, die phänomenale Banda Internationale (Dresden) in Boizenburg und schließlich das schon jetzt legendäre Konzert mit Marteria vor dem Anklamer Bahnhof, für das es sogar ein virtuelles Lob vom Justizminister gab, … also beinahe … na ja, so richtig ja doch nicht, da war wohl nur ein Büro-Praktikant (m)ausgerutscht. Zusätzlich waren sehr interessante Vorträge zu hören: mit Katharina König und Jan Müller zur AFD, mit Patrick Gensing über rechte Hetze im Internet, neben dem hohen Informationswert waren diese Runden auch ein wichtiger Beitrag zur Ohrenhygiene nach Auftritten von Höcke, Gauland und Konsorten in Schwerin.

Zum Abschluss ging es nun nach Jarmen, zum Heimspiel für Feine Sahne Fischfilet am Vorabend der Wahl. Leider überschneidet sich das mit dem schon seit langer Zeit geplanten Konzert von Dritte Wahl im Rostocker IGA-Park. Schwierige Entscheidung, immerhin wird zum 20jährigen Jubiläum „Nimm drei“ komplett gespielt. Den Ausschlag geben diesmal die weiteren Bands, mit The Baboon Show lockt in Jarmen eine Combo, die ich seit Jahren unbedingt live sehen will, bei ihren Konzerten in der Nähe war ich irgendwie immer verhindert. Schweren Herzens lasse ich den IGA Park sausen, natürlich nicht, ohne mich um eine „Vertretung“ zu bemühen.

Zusammen mit zwei Freunden treffe ich am Sonnabend gegen 16:30 Uhr in Jarmen ein. Gleich nach dem Verlassen der Autobahn weisen handgemachte Wegweiser die Richtung zum Festivalgelände, an dessen Zufahrt freundliche Ordner den Weg zum Parkplatz zeigen. Schon hier zeigt sich, wie gründlich die Veranstaltung bis ins Detail vorbereitet ist, bis in die Parklücken hinein sind Einweiser behilflich, die sich auch mit ihren Kollegen an den Zufahrten abstimmen, so dass die knappe zur Verfügung stehende Fläche optimal ausgelastet ist.

Der Einlass ist ebenfalls bestens organisiert, und so sind wir rechtzeitig drin, gönnen uns schnell noch eine kleine Mahlzeit (es wird eine tolle Auswahl verschiedenster Speisen angeboten) und sind pünktlich zum Vortrag von Katharina König da, die aus ihrer praktischen Erfahrung im Thüringer Landtag informativ und unterhaltsam berichtet. In einer anschließenden Fragerunde werden verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen und rassistischen Kräften erörtert.

Das Musikprogramm ist dann vom allerfeinsten. Den Auftakt macht Akktenzeichen, die mit Akkordeon- und Gitarrenbegleitung für ein außergewöhnliches Punk-Hörerlebnis sorgen. Für Jubelstürme sorgen trashige Ausflüge in die 90er Jahre, Snap’s „Rhythm is a dancer“ lässt die Herzen mit 160 bpm schlagen. Ein fulminanter Auftakt.

Es folgt The Baboon Show, die vom ersten Song an mächtig am Zeiger drehen. Sängerin Cecilia, deren Gesangspensum allein schon ausreicht, dass „normale“ Menschen nach jedem Song erst mal drei Minuten ins Sauerstoffzelt müssten, setzt dies auch noch 1:1 in Bewegung um: jeder nicht bebaute Quadratmeter auf der Bühne wird von ihr erobert, selbst die Lichtmasten sind nicht vor ihr sicher, und natürlich taucht sie auch regelmäßig ins Publikum ab – eine unvorstellbare Energieleistung. Noch einmal bestätigt sich, dass ich mich mit Jarmen für den heutigen Abend richtig entschieden habe.

Mit Neonschwarz übernimmt nun eines der Flaggschiffe von Audiolith. Ich hatte ja an anderer Stelle schon mal erwähnt, dass ich nicht so der große Hip-Hop-Freund bin, aber ich muss schon sagen, dass mich der Auftritt umgehauen hat. Mit klarer Kante in den Texten und durchaus auch musikalisch ansprechend haben die vier es geschafft, dass ich demnächst wohl meine eiserne Regel (Hip-Hop kommt mir nicht ins Plattenregal) brechen werde. Gut gemacht!

Und schließlich ist es so weit, Feine Sahne Fischfilet startet mit „Solange es brennt“, einem Song, der so wunderbar bildhaft die derzeitige Situation im Land und gleichzeitig den Zusammenhalt gegen den Rechtsruck aufgreift. Es wird ein großartiges Konzert und ein würdiger Höhepunkt nach sechs Wochen „Noch nicht komplett im Arsch“. Man spürt in jeder Minute des Auftrittes, wieviel diese „Heimkehr“ der Band und vor allem Monchi bedeutet. Der sonst um keinen klaren Spruch verlegene Sänger hat anfangs Mühe, ein paar einfache Worte zur Begrüßung zu sagen, so sehr ist er vom Augenblick überwältigt. Fast 3000 Besucher sind gekommen, darunter so viele Freunde aus vergangenen Kindertagen, ehemalige Lehrer, Trainer und sogar der Pfarrer – es ist wie ein gigantisches Klassentreffen, und das alles in Jarmen, in SEINEM Jarmen! Vorpommern, Diggä!

Die Emotionalität erfasst alle und jede(n) auf und vor der Bühne, niemand kann sich dem entziehen. Passend dazu geht im Laufe des Abends ein riesiges Arsenal an Fackeln und Rauch in Flammen auf, ein atemberaubender Anblick, der mein altes Pyromanenherz noch schneller schlagen lässt, ebenso wie das wunderschöne Bild der fast komplett auf der Bühne versammelten Familie Gorkow. Es ist einer dieser Abende, der eigentlich nie enden sollte, aber das ist nun mal nicht möglich, also bewahren wir die Erinnerung und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen. Gelegenheit dazu gibt es, im Volkstheater steht „Feuerherz“ wieder auf dem Spielplan und Ende des Jahres steht die „Nie daran geglaubt“ Tour auf dem Programm, unter anderem mit Terminen in Berlin und Hamburg. Die Tickets liegen schon bei mir zu Hause, auch wenn ich mal wieder eine Entscheidung treffen muss, denn Dritte Wahl spielt nun doch noch einmal in Rostock zum 20jährigen von „Nimm drei“. Jemand ‘ne Idee?

Wir fahren nach dem Konzert durch das nächtlich-verschlafene Jarmen, ab und zu steht ein einsames Polizeifahrzeug am Straßenrand. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich rund um das Festivalgelände und erst recht im Inneren nicht einen einzigen Uniformierten zu sehen bekommen habe. Ich gehe schon davon aus, dass bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung die örtlichen Sicherheitsbehörden einbezogen sind, hier wurde offenbar ein Weg gefunden, die Absicherung des Festivals und des Umfeldes ohne martialische Polizeipräsenz zu gewährleisten. Das ist nicht zuletzt dem persönlichen Engagement der vielen freiwilligen Helfer aus dem Freundeskreis der Band und örtlicher Vereine und Organisationen zu verdanken, stellvertretend seien nur der MSC Jarmen oder die Freiwillige Feuerwehr genannt.

Die wichtigste Erkenntnis eines grandiosen Abends auf dem vorpommerschen Land ist aber: Niemand ist allein. Auch wenn das gesellschaftliche Klima es nicht vermuten lässt, gibt es unzählige coole und vor allem aktive Leute, die aus der Kampagne Kraft fürs Weitermachen in schwierigen Zeiten gewinnen. Das Signal aus Jarmen an die Welt ist deutlich:

Mecklenburg-Vorpommern ist noch lange nicht komplett im Arsch!

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2 Kommentare zu “Noch nicht komplett im Arsch

  1. Hallo Bruderherz,

    ich bin immer wieder erstaunt :-). Wunderschöne Schreibe, Daumen hoch.
    Aber, erinnerst Du Dich an Deine Verwandten in Vorpommern? Fährst nach Anklam, Jarmen… und kommst nichma aufn Sprung vorbei ? Schwahach!!!!!!!

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