Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Vier Jahreszeiten

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Dritter Tag, 29. November 2015

Inverness Caledonian Thistle F.C. – Celtic F.C. 1:3

Heute gibt es endlich Fußball. In der Scottish Professional Football League ist Titelverteidiger und Spitzenreiter Celtic zu Gast bei Inverness CT, wie schon erwähnt, war diese Ansetzung ausschlaggebend für die Terminierung unserer Reise und das ganze Drumherum. Der Blick aus dem Hotelfenster verheißt wettertechnisch nichts Gutes, es regnet unaufhörlich, Fritz Walter hätte sicher seine helle Freude an den Bedingungen gehabt. Nach den Niederschlägen der letzten Woche soll sogar eine Absage zeitweise im Raum gestanden haben, zum Glück entscheidet sich bei der letzten Platzbegehung am Morgen, dass das Spiel stattfinden kann. Anstoß ist schon um 12:15 Uhr, mächtig früh, aber am Ende wird sich das als Glücksfall erweisen.

Den Weg vom Hotel zum Stadion legen wir zu Fuß zurück, das ganze zieht sich etwas hin, für ein bisschen V.I.P.-Feeling sorgen unterwegs Polizisten, die in Stadionnähe für uns den Verkehr anhalten, wenn wir die Straße überqueren wollen. Die letzten 500 bis 800 Meter legen wir auf einer Straße entlang der Küste (Moray Firth) zurück, als die Tribünen ins Blickfeld geraten, wird mir bewusst, dass wir uns auf dem Wege zu einer der am schönsten gelegenen Sportanlagen befinden, die ich je besuchen durfte.

Auf dem Parkplatz vor dem Stadion eröffnet sich uns unerwartet die Lösung eines Jahrhunderte alten Rätsels. Die von Generationen über Generationen forcierte Suche nach dem „Monster von Loch Ness“ war vergebens, ganz einfach, weil an der falschen Stelle gesucht wurde. Nessie ist nichts weiter als ein Auto aus deutscher Produktion, wenn es dumm kommt, auch noch mit manipulierten Abgaswerten. Kein Wunder, dass sich das Wesen so lange verbergen musste (und konnte, das beste Versteck ist immer noch der Präsentierteller). Die Akte „Nessie“ kann endlich geschlossen werden.

359Die Tickets für unsere „Gruppe deutscher Ingenieure“ liegen abholbereit an der Stadionkasse, wir werden uns auf der Haupttribüne niederlassen. Karten für den Gästebereich in dieser Größenordnung zu besorgen, erwies sich im Vorfeld als unmöglich, vermutlich hätten wir aber individuell vorm Stadion noch etwas regeln können. Hinterher ist man immer schlauer. Von unseren Plätzen aus werden wir aber eine gute Sicht auf den Gästeblock haben, der einen beeindruckenden Auftritt abliefert.

Unsere Tickets sind für die unteren Reihen der Tribüne im „überdachten“ Bereich. Der Regen, der zwischenzeitlich in Graupel übergeht, lässt sich auf seinem Weg in unsere Gesichter von dem Dach kaum beeindrucken, zusammen mit kräftigem Wind sorgt der Niederschlag für eine ganz spezielle Gemütlichkeit, der sich nicht jeder aus unserer Gruppe gewachsen sieht. Bis auf vier Unentwegte verzieht sich der Rest nach oben und okkupiert die Plätze nicht anwesender Dauerkarteninhaber. Wir werden unten für unser Durchhaltevermögen später sogar noch mit Sonnenschein entschädigt, was die Abfolge der vier Jahreszeiten innerhalb von nur 90 Minuten komplettiert.

Fußballerisch wird das Spiel eine relativ eindeutige Angelegenheit für die favorisierten Glasgower, auch wenn Inverness vor allem in der ersten Halbzeit ganz ordentlich mitspielt. Die Hoops haben aber Spiel und Gegner weitestgehend im Griff, nur Torchancen gibt es nicht viele. Celtic gewinnt durch Tore von McGregor (7‘), Griffiths (59‘) und ein Eigentor von Devine (85‘), den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielt Storey (39‘).

Einen guten Auftritt liefert der Gästeblock, weniger optisch, dafür aber gesangstechnisch. Die Beteiligung ist recht hoch und dafür, dass die Fans hinterm Tor über die ganze Breite verteilt sind, hört sich das auch recht koordiniert an. Highlights sind der Wolftones-Klassiker „Celtic Symphony“ gleich nach dem Anpfiff (Here we go again …), die Stadionversion von “Lonesome Boatman” (Fureys) nach dem 0:1, für Freude sorgen “Carlton Cole!” nach der Melodie von „Gold“ (Spandau Ballet) und die Huldigung an Scotty Allan: „He used to be a hun but he’s alright now.“

Nach dem Spiel werde ich beim Verlassen des Stadions noch einmal von der wunderbaren Aussicht überwältigt. Unfassbar, dass man von seinem Stadionsitz nicht mal 50 Meter gehen muss, um (theoretisch) die Füße ins Wasser zu stecken, das dafür natürlich viel zu kalt und außerdem von dicken, wenn auch nicht unüberwindlichen Feldsteinen abgeschirmt ist. Aber auch der Himmel sendet inzwischen deutlich Signale aus, den Aufenthalt im Freien allmählich zu beenden. Ein Bus ins Stadtzentrum steht bereit, das Einsteigen zieht sich aufgrund des umständlichen Kassiervorgangs durch die Fahrerin mächtig in die Länge. Als wir eingestiegen sind, öffnen sich oben alle Schleusen, nun wird auch der frühe Anstoßzeitpunkt verständlich.

Den abendlichen Ausklang und zugleich den Abschluss unseres Kurzausfluges erleben wir im ältesten registrierten Pub der Stadt, dem „Gellions“ (1841). Dafür, dass es Sonntagabend ist, geht drinnen ordentlich die Post ab. Es gibt Livemusik, heute wieder etwas traditionellerer Art, die Gäste sind überdurchschnittlich gut drauf, einige müssen schon den ganzen Nachmittag ordentlich zugelangt haben. Dass am nächsten Morgen die Arbeit warten könnte, stört kaum jemanden, es gilt das Motto: Heute ist Sonntag, das ist der Tag zum Feiern. Alles andere interessiert erst morgen wieder. Besonders eindrucksvoll demonstriert das eine nicht mehr ganz taufrische Dame (Zitat Jan: eine Hundertjährige im Kostüm einer 45jährigen), die sich vorgenommen haben muss, im Laufe des Abends mit jedem männlichen Gast einmal zu tanzen. Um dem zu entgehen hilft nur, jeglichen Blickkontakt zu vermeiden, was nicht allen gelingt, da auch bei uns nicht mehr jeder die hundertprozentige Kontrolle über seine Pupillen hat.

Bei „Fields of Athenry“ nähert sich die Stimmung schon dem Gipfel, aber absoluter Höhepunkt ist die Zelebration von „Flower of Scotland“. Irgendwie liegen sich plötzlich alle in den Armen, ein junger Schotte brüllt mir jedesmal, wenn im Text der englische König Edward erwähnt wird, voller Inbrunst das Wort „Bastard!“ ins Ohr, dann setzen wir gemeinsam fort: „… and sent him homeward tae think again.“ Ich glaube, eines Tages werde ich mir doch mal ein Länderspiel im Hampden Park gönnen, um das in voller Schönheit auszukosten.

Der Abend bildet so einen würdigen Abschluss unseres langen Wochenendes, also fast. Am Montag ist noch ein bisschen Zeit, um sich mal die Stadt bei Tageslicht anzusehen, alternativ gibt es auch noch die Möglichkeit, ein Walstreichelgehege (wenn ich Pfütze richtig verstanden habe) zu besichtigen. Wir sind gespannt.

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