Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Mit den Ropiraten nach Inverness

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Erster Tag, 27. November 2015

Die Anreise

Der Tag beginnt wie ein italienisches Partisanenlied: Eines Morgens, in aller Frühe, nämlich genau um zwei Uhr, reißt mich der Wecker aus dem Halbschlaf, eine halbe Stunde später fahre ich schon durch dichten Nebel in Richtung Berlin-Schönefeld, von wo aus ich als Teil einer 24-köpfigen Reisegruppe der Rostocker Ropiraten zu einem verlängerten Wochenende in Inverness, Hauptstadt des schottischen Verwaltungsbezirks Highland, aufbrechen werde.

Vor uns liegen vier intensive Tage voller Kultur in allen Facetten, die dieses Wort bereit hält, wir werden Schottland von seinen schönsten Seiten erleben: überaus gastfreundliche und lebensfrohe Menschen, großartige Landschaften, historische Bauwerke und die Tradition der Herstellung und des Genusses von Whisky. Sogar ein Fußballspiel der Scottish Professional Football League steht auf dem Programm. Na gut, um ehrlich zu sein, war dieses Spiel Anlass der Reise und maßgeblich für die Bestimmung von Reiseziel und –termin, fügt sich aber harmonisch ins Gesamtpaket ein, ohne dieses zu dominieren. Ganz nebenbei verhelfen wir übrigens mit unserer Abwesenheit vom Ostseestadion an diesem Wochenende sogar dem F.C. Hansa zum langersehnten ersten Sieg in der Liga seit August, jedenfalls wird das von dem einen oder anderen Ex-Kumpel behauptet. Ach ja, und das Rätsel um Nessie ist auch keines mehr.

So weit ist es aber jetzt noch nicht. Erst mal heißt es nach Inverness zu kommen. Da es keinen Direktflug gibt, reisen wir über London-Gatwick. Nach der Landung dort haben wir etwa fünf Stunden bis zum Start des Anschlussfluges zu überbrücken. Verschiedene Möglichkeiten, dies sinnvoll und nutzbringend zu tun, finden sich bald. So kann man beispielsweise während der Ausweiskontrolle bei der Einreise nach U.K. testen, ob britische Beamte Spaß verstehen. Selbst das geht dann schneller als gedacht, und so verteilen sich alle auf die verschiedenen Bars und Fresstempel. Wichtige neue Erkenntnis beim Frühstück im „Comptoir Libanais“: Der Libanon ist in der Welt nicht unbedingt für lange, traditionsreiche Bierbraukunst berühmt, wir kennen jetzt auch den Grund dafür.

Mehrere Pints Guinness aus dem Zapfhahn in Jamie Oliver’s Bar später begeben wir uns zum Check-in. Dabei sorgen unsere deutschen Pässe für eine kleine Unterbrechung der langweiligen Routine des Ausweiskontrolleurs:

You’re in Inverness for work? – No, just for short holiday. – What?!

In der Schlange beim Einstieg erleben wir ähnliches: Eine Dame mittleren Alters fuchtelt verzweifelt mit ihrem frisch gekauften Selfiestick herum, und versucht, selbigen in Gang zu bringen. Die Bedienungsanleitung gibt es in zahlreichen Weltsprachen, interessanterweise aber nicht in Englisch. Als sie uns deutsch sprechen hört, drückt sie mir den Zettel mit flehend bittenden Augen in die Hand. Natürlich helfe ich gern und beginne zu übersetzen:

First step: Please read the English manual …

Aus den Augen der Lady schießen nunmehr kleine Blitze, während ihre beiden Begleiterinnen mühsam das Kichern unterdrücken. Nun ja, wir gehen die Anleitung Schritt für Schritt durch, am Ende steht der gelungene erste Versuch, das Foto der Lady mit mir wird sicher eines Tages in der schottischen Nationalgalerie, mindestens aber über ihrem Kamin hängen. Aber auch die Mädels sind etwas irritiert ob unseres Reiseziels:

You want to go on holiday in Scotland? In Inverness?! That’s the middle of nowhere.

Wir lernen: Unter den lohnenswerten Wochenendzielen für Briten landen Inverness und die Highlands auf jeden Fall nicht in den Top 10. Die wissen ja gar nicht, was sie da verpassen.

Nach der Landung besteigen wir den Linienbus, der uns durch einen kleinen, aber feinen Feierabendstau sicher ins Stadtzentrum bringt, von der Haltestelle aus ist es nur ein kurzer Fußmarsch zum Mercure Hotel, wo wir in Rekordzeit einchecken, bevor bei einem Glas Guinness oder Stella die Feierlichkeiten offiziell als eröffnet erklärt werden. Bei einem ersten kurzen Stadtrundgang verteilen sich die Reisenden auf verschiedene Lokalitäten, von nun an sind wir für mindestens 48 Stunden im Partymodus.

Zusammen mit Porgi trenne ich mich für ein paar Stunden vom Partyvolk, um Kulturpunkte zu sammeln. Während ein Ropiraten-Chor in der sehr urigen Bar „The Keg“ das schottische Publikum mit seiner Interpretation von Iron Maiden’s „Run to the hills“ begeistert, wartet auf uns ein kulturelles Highlight, eine englische Singer/Songwriter-Legende gibt sich die Ehre in der Stadt:

Billy Bragg, Support: Duke Special

Das Konzert findet im Eden Court Theatre statt, einem Kulturzentrum mit Konzertsaal/Theaterbühne und verschiedenen Kinosälen, nicht gerade eine Traumlocation. Der Saal ist natürlich bestuhlt, man sitzt wie im Kino, konsumiert brav das Gebotene und spendet wohlwollend Applaus – ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ich im Allgemeinen als ein gelungenes Konzert bezeichnen würde. Immerhin ist es erlaubt, Getränke mit in den Saal zu nehmen, aber dazu müsste ich jedes Mal aufstehen und mich durch die vollbesetzte Sitzreihe zwängen und würde dabei auch noch Teile des Konzertes verpassen. Aber andererseits habe ich in Deutschland auch schon Konzerte im Kino verfolgt, zuletzt Anfang 2015 Hannes Wader in Schwerin, es geht also durchaus.

Die Darbietungen auf der Bühne sind dafür vom Allerfeinsten. Pünktlich um 19:30 Uhr beginnt der Support. Mit Duke Special erleben wir einen mir bis dato völlig unbekannten Singer/Songwriter aus Belfast, der mit ruhigen, aber keineswegs langweiligen Songs eine beinahe melancholische Atmosphäre schafft, die das aufmerksame Publikum in ihren Bann zieht. Einziges Begleitinstrument ist ein Klavier, bei zwei oder drei Liedern werden alte Schellackplatten (78 rpm) auf einem Grammophon für das Intro verwendet, zur „Stimmverstärkung“ werden Echo-Effekte eingesetzt. Vom Künstler und seiner Musik geht eine eigenartige Faszination aus, die sich schwer in Worte fassen lässt. Und nicht zuletzt stört jetzt auch das Kino-Ambiente gar nicht mehr.

Nach kurzer Umbaupause (an den Saaleingängen werden Süßigkeiten verkauft, was mich jetzt doch etwas irritiert) beginnt dann gegen 20:30 Uhr Billy Bragg. Etwa 100 Minuten lang erklingen Songs aus der langen Schaffenszeit des Meisters, begleitet entweder mit Elektro- oder Akustikgitarre, einen Teil des Programmes bekommt Bragg Unterstützung durch den jungen Musiker C.J. Hillman an der Pedal Steel Guitar, die Country-Anklänge geben dem ansonsten zwischen Folk und Punk schwingenden Programm eine gewisse exotische Note.

Breiten Raum nehmen die Ansagen zu jedem Lied ein, hier entsteht auch gelegentlich Interaktion in Form von Zwischenrufen aus dem Publikum, das dafür während der Songs nur spärlich Reaktionen zeigt – hin und wieder mal ein schüchterner Mitklatsch-Versuch, der aber nie um sich greift. Dass womöglich mal jemand aufsteht und sich zu den Songs bewegt, ist praktisch ausgeschlossen, beinahe wie im Stadion.

Statements gibt es zur Aufnahme von und dem Zusammenleben mit Flüchtlingen, einem Thema, das natürlich auch um Groß Britannien keinen Bogen macht, scharfe Kritik übt Bragg in diesem Zusammenhang am Einsatz britischer Bomber in Syrien. Ebenfalls sein Fett bekommt der unsägliche Donald Trump weg, jedoch mit der Fußnote, dass man aus künstlerischer Sicht über die Existenz eines solchen Menschen beinahe froh sein könne, da dieser mit seinen abstrusen Äußerungen genügend Stoff zum Schreiben liefere.

Bragg bekundet seine Sympathie für die schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen und die Aktivisten der „Yes Campaign“ im vergangenen Jahr, er sei wohl einer der wenigen Engländer, die in der Unabhängigkeit durchaus Chancen und Vorteile für beide Länder gesehen haben. Hier ist ihm die Zustimmung des gesamten Saales gewiss. Und nach dem großartigen Song „Never buy the sun“ – für mich einer der Höhepunkte des Konzertes – fordert er unter stürmischem Applaus: „JUSTICE FOR THE 96!“

Den Running Gag des Abends liefert ein Herr auf dem Balkon, der jedes Mal, wenn Bragg einen Schluck aus der Wasserflasche nimmt, laut „VODKA!“ ausruft, was den Meister zunächst irritiert und später auch sichtlich nervt, allerdings hat er genügend Humor, um sich nach der letzten Zugabe mit genau diesem allerletzten Wort vom Publikum zu verabschieden. Im Gedächtnis bleibt ein intensiver, faszinierender Konzertabend in ungewöhnlicher Umgebung, was aber letztlich auch dazu geführt hat, einen bekannten Künstler, von dem ich sogar noch eine alte AMIGA-LP besitze, mal ganz nah zu erleben. Zur Setlist geht es hier.

Nach dem Konzert zieht es uns, auch unter Berücksichtigung des langen Reisetages, dann schnell ins Hotel, zu den Klängen des unter meinem Fenster stattfindenden Nachtlebens gleite ich selig in Morpheus‘ Arme.

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