Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Das Schönste am Sommer

Hinterlasse einen Kommentar

Nopperhof FestEvil 2015

Was gibt es Schöneres, als sich mit Freunden zu treffen und unter freiem Himmel zu mitreißender Live-Musik großartiger Bands gemeinsam zu feiern? Was wie eine Suggestivfrage daherkommt, bestätigt sich immer wieder durch persönliche praktische Erfahrung. Abseits der Gigantomanie weltweit bekannter Massenveranstaltungen wie Rock am Ring oder Wacken finden in unserem Bundesland Woche für Woche „kleine“, familiäre Festivals statt, die von engagierten Leuten mit viel Liebe zum Detail und großer Professionalität, ehrenamtlich und in ihrer Freizeit geplant, vorbereitet, organisiert und dann mit Leben erfüllt werden.

Von diesen Events liest und hört man in den überregionalen Medien leider nur selten etwas, was sehr schade ist, denn es gibt für Freunde alternativer Kultur ja nicht so viele Angebote kommerzferner und trotzdem (oder aber vielleicht gerade deshalb) qualitativ hochwertiger Unterhaltung. Denn bei allem Idealismus kostet leider auch alternative Kultur Geld, das irgendwo herkommen muss. In M.-V. gibt es einige solche Veranstaltungen, dass deren Finanzierung jedes Jahr einem Tanz auf der Rasierklinge gleicht, ist kein Geheimnis, ebenso die traurige Tatsache, dass so manches beliebte Fest eingestellt werden musste, weil die Organisatoren nach geringem Besucherzuspruch einen Schuldenberg abtragen müssen, der die Fortführung unmöglich macht.

Seine dritte Auflage erlebte am vergangenen Wochenende das „FestEvil“ auf dem Nopperhof in Langen Trechow bei Bützow, organisiert von Nico Nopper, Geschäftsführer der Nopper Netzmontagen GmbH, die sich bereits als Förderer des Sports, u. a. beim 1. FC Union Berlin, in der Nachwuchsakademie des F.C. Hansa Rostock und ab der jetzt beginnenden Saison auch beim Verbandsligisten Rostocker FC einen Namen gemacht hat.

Es sollte für mich ein Wochenende nach Maß werden, wie es perfekter fast nicht hätte laufen können. Auf meinem persönlichen Plan stand das klassische, Anfang März schon einmal erprobte Musik-Fußball-„Sandwich“: zwischen den beiden Festivalabenden auf dem Mecklenburgischen Lande sah der Spielplan der 3. Liga eine Auswärtsfahrt nach Chemnitz vor – eine Herausforderung, die ich nicht ausschlagen konnte. Zur vollendeten Perfektion fehlte am Ende die ganz große fußballerische Ausbeute, aber wir sind ja nicht bei „Wünsch Dir was“, wie es immer so schön heißt.

Der Reihe nach:

Am Freitagabend öffnete der Nopperhof seine Tore, zum sehr anständigen Vorverkaufspreis von 26 Euro hatte ich mir den Eintritt für beide Tage gesichert, zusätzlich wurde noch eine kostenlose Campingmöglichkeit angeboten, die ich in diesem Jahr auch in Anspruch nahm, schon um vor dem mörderischen Ritt nach Chemnitz wenigstens ein paar Stunden mal die Augen schließen zu können. Während des Zeltaufbaus ließ bereits der zunächst noch recht kräftige Wind allmählich nach und nahm auch gleich noch die bedrohlich wirkenden Wolken mit, die uns die ganze Woche incl. Kälte und Regen begleitet hatten. Da sieht man schon mal, was gute Vorbereitung bewirken kann, nur an den Nachttemperaturen muss noch gearbeitet werden.

Das Zelt ist schnell aufgebaut, nach einer kurzen Begrüßungsrunde über den Zeltplatz geht es dann zur Bühne, wo gerade die erste Band, Coal & Crayon ihr Set beendet. Dass ich die erste Band verpasse, ist ja mittlerweile Tradition.

Es folgt Nullpunkt aus Rostock, die insbesondere Hansafans, aber nicht nur denen ein Begriff sein sollten. Ich habe die Jungs um Frontmann Sven vor Jahren das erste Mal bei einem Hansa-Geburtstag gesehen, in einem sehr frühen … äh … Entwicklungsstadium der Band, es ist wirklich großartig, was daraus geworden ist: sehr straighter, gitarrenbetonter Rock mit nachdenkenswerten Texten, in denen sie oft die große Liebe zu ihrer Heimatstadt Rostock, zum Land Meck.-Pomm. und natürlich zu ihrem und unserem F.C. Hansa zum Ausdruck bringen. Bei Nullpunkt wird auch an die trockenen Kehlen im dankbaren Publikum gedacht, eine Stiege „Rekorderlig“ ist schneller verteilt, als man den Namen des Getränkes aussprechen kann.

Die Larrikins aus Goldberg gibt es schon seit 2001, ihre Musik entzieht sich der Einordnung in irgendwelche Stil-Schubladen. Bei ihren Konzerten geht es immer ordentlich zur Sache, besonders beeindruckend finde ich das Gitarrenspiel von Tino, der von sentimental bis brachial das gesamte Spektrum beherrscht, wirklich stark. Auch bei den Larrikins muss niemand vor der Bühne verdursten, jedenfalls nicht in der ersten Reihe. Zu den Klängen des Supermarktreggae verteilt Sänger Felix geistige Getränke direkt aus der Flasche in die gierig aufgerissenen Münder.

Dann folgt mit der vorletzten Band mein musikalischer Höhepunkt am Freitag: Smoking Hut On Stones aus Bützow heizen dem Publikum mal so richtig ein, es wird noch etwas lauter, zwei Gitarren sorgen für ordentlich Power aus den Boxen, schließlich verstärkt sogar noch Mauler als Gast für zwei Songs die Band, ein grandioser Moment, der das gesamte FestEvilgelände zum Grooven bringt.

Headliner und letzte Band am Freitag sind COR aus Rügen, musikalisch und inhaltlich wie immer ein absolutes Brett. Die klaren, unmissverständlichen Botschaften ihrer Songs werden wie immer von sehr direkten Zwischentexten des Sängers Friedemann ergänzt. Dass sich dieser dabei oft einer sehr drastischen Ausdrucksweise bedient, ist nicht neu und hat für mich auch grundsätzlich seine Berechtigung, frei nach Brecht: „Glotzt nicht so romantisch!“ Und doch ist die Art und Weise der direkten Publikumsansprache für mich dieses Mal irgendwie grenzwertig, wenn die ohnehin manchmal etwas oberlehrerhaft vorgetragenen Weisheiten des Künstlers mit der Einstufung der vor der Bühne stehenden Zuhörer als fett, satt und faul garniert werden. Erfahrungsgemäß sinkt in der Zielgruppe die Bereitschaft zuzuhören oder das eigene Verhalten zu überdenken bei derartiger Ansprache erheblich. Dass ich den beschriebenen Eindruck nicht exklusiv habe, wird mir am nächsten Tag noch von anderen Festivalbesuchern bestätigt.

Etwas irritiert lasse ich den Abend ausklingen und begebe mich auf mein Nachtlager. Die Nacht im Zelt ist kurz, will aber bei wiederholten Wachphasen aufgrund der doch recht empfindlichen Kälte einfach nicht vergehen. Gegen 6 Uhr stehe ich freiwillig auf und trete die Reise ins sächsische „Manchester“, wie Chemnitz in der in der proletarischen Prosa gern mal genannt wurde. In der Nähe von Wittstock schließe ich mich der Schweriner Reisegruppe an, deren prominentestes Mitglied, die berühmte „Pokalmuddi“, zu Ehren des ersten Auswärtsspieles der neuen Saison vorn sitzen darf, und zwar hin und zurück. Am Steuer sitzt der unverwüstliche Eike, hauptberuflich Reisender in Sachen Schlaf, neben mir auf der Rückbank hat sich ein bekannter Hansafotograf niedergelassen. Reichlich Prominenz, wie man sieht.

Wir erreichen die sächsische Metropole rechtzeitig vor Öffnung der Stadiontore, das gibt uns die Möglichkeit, die Stadionumgebung zu bestaunen. Da muss noch einiges gemacht werden. Das Stadion nimmt indes Gestalt an, drei der vier Tribünen sind inzwischen in Nutzung. Ich finde den Bau durchaus gelungen, die Sicht aus dem Gästeblock auf das Spielfeld ist sehr gut, dank Überdachung ist auch die Akustik deutlich besser geworden. Wir suchen uns Plätze in der äußeren oberen Ecke des Blocks, von wo aus wir dem Geschehen auf dem Rasen gut folgen können. Um uns herum halten die Leute einen kleinen Sicherheitsabstand ein, ich hoffe, es liegt nicht daran, dass ich nach Festivalacker rieche. Aber solange Muddi sich nicht beschwert, ist ja alles in Ordnung. Die vielen Wespen, die an dem Tag im Gästebereich nerven, scheint es jedenfalls nicht zu stören.

Hansa zeigt insgesamt eine ganz anständige Leistung und nimmt verdient einen Punkt mit nach Hause. Eigentlich hätten es sogar drei Punkte werden können, aber Pfosten und Latte des Chemnitzer Tores standen im Wege. Letztlich geht das Unentschieden schon in Ordnung, auch wenn die Entstehung des Elfmeters gegen Hansa mehr als unglücklich verläuft. Shit happens. Vom Schiedsrichter hätte ich mir eher gewünscht, mal gegen das wiederholte unsportliche Herumgekasper der Chemnitzer Wechselspieler auf der Grundlinie bei Hansa-Eckbällen einzuschreiten, statt bei nahezu jedem Zweikampf mit Körperkontakt gegen Hansa zu entscheiden. Nicht völlig unzufrieden mit dem Punktgewinn geht es sofort nach dem Schlusspfiff zurück in Richtung Norden, nach nur wenig mehr als vier Stunden Fahrzeit bin ich wieder auf dem Nopperhof.

Verpasst habe ich leider die ersten drei Bands, Antispielismus, Vietsmorgen und Zaunpfahl, aber alle drei habe ich erst vor wenigen Wochen bei „Rotti rockt die Wiese“, einem anderen kleinen Festival erleben können. Auf der FestEvil-Bühne begeistert gerade Grüßaugust, Nachfolger der Inchtabokatables mit einer breiten stilistischen Vielfalt älterer und neuer Stücke. Mir gibt das die Möglichkeit, eine bedauerliche musikalische Bildungslücke zu schließen, diese Phase der Musikgeschichte ist damals leider an mir vorbeigegangen. Herausragend hier das Gitarrenspiel von Tomoko Fujimura, die wahre Klangsalven durch die Luft feuert. „Grüßaugust“ wird im September in Rostock und Schwerin zu sehen sein.

Als nächstes gibt es von den Crushing Caspars derbst auf die Ohren, Baltic Sea Hardcore vom feinsten. Diese Band als Kernbestandteil der Rostock Family muss man ja nun wirklich niemandem mehr vorstellen, bei ihren Konzerten bleibt in der Regel kein Auge trocken. Neben dem leidenschaftlichen Auftritt beweist Frontmann Snoopy ein feines Gespür für die Bedürfnisse seines Publikums: „Wir machen mal zwei Minuten Pause, Ralph muss pinkeln.“ Wer braucht in solch familiärer Umgebung noch Wacken?

Vor dem Finale mit Tanzwut sorgen Old-Style-65 in der Umbaupause auf der kleinen Bühne dafür, dass die Körper trotz einsetzender Abendkühle auf Betriebstemperatur bleiben. Die drei Berliner waren in diesem Jahr schon öfter hier im Norden zu erleben und können auf eine kleine Fangemeinde bauen, die mehrere Generationen umfasst. Bei Klassikern aus Punk und Hardcore und eigenen Stücken werden keine Gefangenen gemacht. Wer sich selbst überzeugen möchte, kann das am 19. September bei „Rock am Wind“ in Groß Schwiesow tun.

Und dann ist es auch schon so weit, kaum hat das FestEvil begonnen, steht auch schon die letzte Band auf der Bühne. Tanzwut setzt einen würdigen Schlusspunkt hinter zwei tolle Tage, die viel zu schnell vergangen sind. Höchste Zeit, noch einmal danke zu sagen: an Nico, der seinen Traum vom eigenen Festival lebt und wahrwerden lässt und damit sehr vielen Leuten eine schöne Zeit bereitet, an die FestEvil Crew, die eine tolle Rundumbetreuung in freundlicher und superentspannter Atmosphäre möglich machten, an alle Bands und das Team vor und hinter der Bühne und natürlich an alle Gäste, die zu einer gigantischen Party beigetragen haben.

Am Morgen danach gibt es noch einmal Frühstück, das von freundlichen Helfern aus dem Dorf zubereitet wird, sogar Sonderwünsche wie Käsebrötchen mit Marmelade werden erfüllt, es bleibt familiär bis zur letzten Sekunde. Ein Storchenpaar, das sein Nest in Langen Trechow bewohnt, ist wahrscheinlich froh, dass endlich wieder Ruhe einkehrt in seinem Revier, ansonsten setzt schon wieder die Vorfreude auf das nächste Jahr ein. Langweilig wird es bis dahin nicht, schon am nächsten Sonnabend gibt es vorm Rostocker MAU-Club Larrikins, Nullpunkt, Maulers Boutique und Dritte Wahl. Was für ein Sommer!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s