Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Konspirative Kultur

Ein Kommentar

Schottland 2015 – Tag 4, 19. März

Nach dem grandiosen Murphys-Konzert wollen wir es heute etwas ruhiger angehen lassen. Unser Programm sieht einen Tagesausflug nach Edinburgh vor, schließlich gilt es, auch ein paar Kulturpunkte zu sammeln.

„Entschleunigung“ ist also angesagt. Damit diese eine Chance hat, sollten wir vor allem pünktlich die Fahrt antreten. 11 Uhr ist als Treff ausgegeben, gefrühstückt werden soll unterwegs. Erfahrene Thommy-Mitreisende wissen, dass genau darin die Gefahr liegt: Was, wenn aus dem Beschaffen von Proviant beim Bäcker ein mehrstündiges Happening wird, bis wir irgendwann feststellen, dass es sich gar nicht mehr lohnt loszufahren?

Wir lösen dieses Problem mit einem konspirativen Frühstück. Die Teilnehmer (keine Namen, sonst wäre es ja nicht konspirativ!) gehen eine Stunde vor dem Termin zum Bäcker frühstücken, von dort wird dann unser Reiseleiter informiert, wo er uns einsammeln kann. Nun muss nur noch verhindert werden, dass Thommy den Laden betritt, und einer pünktlichen Abfahrt steht nichts im Wege. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Unser erster Gang in Edinburgh führt uns weder in einen Pub, noch zu einem Bäcker. Nein, kulturbeflissen begeben wir uns geradewegs zum Old Calton Cemetery, einem historischen Friedhof mit beeindruckenden, zum Teil mehrere Jahrhunderte alten Grabstätten. Auf diesem Friedhof fanden einige prominente Bürger der Stadt ihre letzte Ruhe, an die eine Tafel neben dem Eingang erinnert. Der bekannteste unter ihnen ist Abraham Lincoln, der … Moment mal, der war doch gar kein Schotte. Und natürlich liegt er dort auch weder begraben, noch steht sein Name auf der Tafel, aber ein Denkmal des 16. US-Präsidenten, das an die schottischen Freiwilligen erinnert, die im amerikanischen Bürgerkrieg für die Abschaffung der Sklaverei kämpften, zieht die Aufmerksamkeit des Besuchers sofort auf sich, nachdem dieser die Treppe am Eingang hinter sich gelassen hat.

Ein paar Schritte weiter, ziemlich zentral gelegen, steht ein 27 Meter hoher Obelisk, das „Martyrs‘ Monument“, das den Mitgliedern einer frühen Bürgerrechtsbewegung gewidmet ist, die Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem für das allgemeine Wahlrecht eintraten und dafür zu 14 Jahren Verbannung verurteilt und nach Botany Bay deportiert wurden.

Von einigen der großen Familiengräber, die sich oft mehrere Generationen teilen, hat man eine tolle Aussicht auf die Stadt und hinüber zu Edinburgh Castle, als sollten die oberen Zehntausend auch nach ihrem Tod noch weiter privilegiert werden. Die Abgrenzung vom gemeinen Volk gelingt ihnen heute dagegen nicht mehr, einige der Mausoleen dienen Obdachlosen als Nachtlager, das wenigstens ein bisschen Schutz vor Wind und Regen bietet, ein sehr beklemmender Anblick.

Vom Friedhof aus gehen wir weiter bergauf und „besteigen“ Calton Hill, einen der höchsten Punkte Edinburghs. Dort befinden sich einige Anziehungspunkte für Besucher der Stadt, wie das als Kriegerdenkmal konzipierte, aber nicht fertiggestellte National Monument im Stil eines griechischen Tempels, das Nelson Monument, oder das City Observatory.

Wir genießen vor allem die traumhafte Aussicht auf die Altstadt und hinüber zur Nordsee. In der Ferne ist hinter dem Dunstschleier sogar die Forth Bridge zu erkennen, die ich mir längst schon mal ansehen wollte. Das wird dann wohl beim nächsten Mal passieren. Am Observatorium gönne ich mir eine heiße Schokolade, vor lauter Freude über die wärmenden Sonnenstrahlen lasse ich erst mal mein Telefon liegen. Zum Glück bemerke ich das noch rechtzeitig, bevor wir den Hügel verlassen und kann es mir beim netten Schokoladenmädchen wieder abholen.

Wir gehen nun zurück in die Altstadt, unser Ziel ist Edinburgh Castle. Um der schleichenden Dehydrierung entgegenzuwirken legen wir eine kurze Rast im „Jolly Judge“, einem kleinen Keller-Pub in einem malerischen Hinterhof an der Royal Mile, ein. Wir sind doch tatsächlich schon fast drei Stunden ohne Nachschub unterwegs. Nicht zu glauben, aber manchmal ist selbst bei Thommy der Durst nach Wissen größer als der nach Getränken.

Frisch gestärkt statten wir dem Schloss einen Kurzbesuch ab, es gibt ein paar Fotos auf der Esplanade, dann treten wir den Rückweg zum Bahnhof an. Natürlich wird dieser schon nach wenigen Schritten unterbrochen, denn an der Scotch Whisky Experience führt auch 2015 kein Weg vorbei. Wir verzichten auf langwierige Erklärungen und lassen uns im Amber Restaurant nieder, wo Thommy, Ajax, Matze, Jen, Gabi und der Vermesser nicht lange fackeln und sich spontan ein kleines Tasting gönnen. Mir genügen erst mal Kaffee und Kuchen, dafür hole ich mir später noch im Shop ein Fläschchen des Lebenswassers, was nichts anderes bedeutet, als dass ich dieses Jahr Silvester beim Ropiraten-Tasting mal mit einem eigenen Beitrag aufwarten kann. Man muss ja auch an die Zukunft denken.

Unser Weg zum Bahnhof führt uns durch Fleshmarket Close, die ich aus dem letzten Jahr noch wesentlich länger in Erinnerung habe. Das kann aber auch daran liegen, dass ein Abstieg immer einfacher ist als ein Aufstieg. Egal – ein Grund zum Trinken ist beides. Auf halber Strecke kehren wir kurz im Halfway House ein, um ein kleines Lukas-Gedächtnis-Bier zu vertilgen. Wir stoßen auf den Jugendschutz an, dann heißt es für dieses Jahr: So long, Edinburgh.

Zurück in Glasgow schlagen wir uns bei Tony Macaroni, unserem Lieblings-Italiener, die Bäuche voll, dann lockt McSorley’s Bar, wo eine junge, vielversprechende Nachwuchssängerin mit Band auftritt, die nicht nur ihren eigenen Fanclub mitgebracht hat, sondern auch noch über eine großartige Stimme und tolle Bühnenpräsenz verfügt. Eigene Songs hat sie noch nicht dabei, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Als die kleine Hilfs-Amy McDonald zum Abschluss Don Henleys „Boys of Summer“ zelebriert, singen alle mit.

Bestens gelaunt schauen wir noch auf einen Absacker im Mint & Lime vorbei. Wir sind noch zu dritt, haben uns gerade hingesetzt, als sich dann die Ereignisse überschlagen. Plötzlich wird die Musik abgestellt, eine Mitarbeiterin eilt hektisch von Tisch zu Tisch und vertreibt alle Gäste. Wir verstehen erst gar nicht, was sie eigentlich will, dann merken wir: es wurde erneut Feueralarm ausgelöst. Wir gehen mit vor die Tür, unsere Gläser müssen in der Lobby bleiben, denn Alkohol auf der Straße ist natürlich ein No-Go.

Vor dem Hotel hat sich bereits ein kleiner Partymob versammelt, der die herbeigerufene Feuerwehr jubelnd begrüßt, ein bizarres Bild. Da müssen vielleicht Leben gerettet oder ein Gebäude gesichert werden, und ein bierseliger Haufen steht den Einsatzkräften zwar nicht im Weg, kommentiert aber jede Aktion lautstark und „lustig“. Von unserer Gang findet sich keiner unten ein. Sollten wir sie benachrichtigen? Vielleicht so: Entschuldige die Störung, du kannst gleich weiterschlafen. Ich wollte dir nur sagen, dass dein Bett brennt.

Die Entscheidung wird uns abgenommen, denn die Feuerwehrleute kommen schon wieder heraus. Ein weiterer Fehlalarm, sicher hat jemand den Rauchmelder auf dem Zimmer ausgelöst. Dürfte für denjenigen ein teurer Spaß werden. Die Feuerwehrleute blicken voller Verachtung auf die Meute am Straßenrand, dann fahren sie davon. Vielleicht haben sie heute noch einen Einsatz, wo sie wirklich gebraucht werden.

Zurück im Mint & Lime trinken wir noch einen auf den Schreck zusammen mit Ben und Florian, zwei Reisenden in Sachen Fußball, die ein paar freie Tage dazu nutzen, Spiele auf der Insel zu besuchen. Sie waren zuletzt in Millwall und Fulham und besuchen nun noch zum Abschluss ihrer Tour das Spiel Celtic gegen Dundee. Abgesehen von der Wahl unserer Lieblingsvereine haben wir vieles gemeinsam, was unser Verständnis von und für Fußball betrifft. Fußball, bei dem das Spiel im Mittelpunkt steht, mit Fans, die sich nicht als Kunden definieren und den Krach von Klatschpappen als Stimmung missverstehen, also mit einer Stadionatmosphäre, die keine Animateure braucht. Und natürlich Vereine, deren originärer Gründungszweck das Fußballspiel war und immer geblieben ist und nicht das Marketing für pseudo-hippe Lifestyle-Produkte.

Beide sind aktive Fußballer beim SV Olympia Uelsen, und müssen am Sonntag in aller Frühe die Heimreise antreten, da ihr Verein in der Kreisliga Bentheim ein überaus wichtiges Spiel (die Jungs nennen es Derby) gegen den ASC Grün-Weiß 49 Wielen bestreitet. Sie müssen tatsächlich wichtige Stammspieler sein, denn immerhin hat ihnen der Verein sogar einen frühen Flug nach Amsterdam bezahlt, auf dass sie auch ja pünktlich zum Spiel erscheinen. Inzwischen ist erwiesen, dass sich der Aufwand gelohnt hat, denn Olympia hat das Spiel mit 4:1 gewonnen, Florian und Ben haben durchgespielt. Im internen Zweikampf um den erfolgreicheren Torjäger steht es zwar immer noch 0:0, aber zumindest kann Ben mit einer gelben Karte punkten.

Aber so weit ist es heute noch nicht. Die Jungs werden sich noch ein bisschen ins Glasgower Nachtleben stürzen, während wir älteren Leute unsere Nachtruhe brauchen, denn morgen geht es früh los, wenn wir zur Highlands-Tour starten.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Konspirative Kultur

  1. Moin Uwe, klasse Bericht & tolle Seite!!! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s