Hanseator

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In Your Eyes

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Peter Gabriel – Back To Front: „So“ live

Sonntag, der 25. Mai 2014. Zum Auftakt der Open Air Saison auf der Waldbühne gastiert Peter Gabriel mit Back To Front: „So“ live. Für mich gibt das die Gelegenheit, einen weiteren Helden meiner frühen musikalischen Jahre im Konzert zu erleben. Die Bedingungen sind perfekt: Sonntagnachmittag, sommerliche Temperaturen, es ist trocken und die Waldbühne ist sowieso eine der schönsten Open Air Locations, die ich kenne.

Dreieinhalb Stunden vor dem angekündigten Konzertbeginn sind die Zugänge der Waldbühne natürlich noch verschlossen, die ersten Besucher formieren sich in geduldig wartenden Schlangen, aus dem Inneren wehen ab und zu Klangfetzen des Soundchecks herüber, die glockenklaren Stimmen der Backgroundsängerinnen lassen die Vorfreude auf ein musikalisches Ereignis der Sonderklasse wachsen.

Über der Szene liegt unendliche Harmonie, bis zwei konkurrierende Pfandflaschensammler in Streit geraten, wer nun der rechtmäßige Eigentümer der ersten (!) geleerten und zur Entsorgung freigegebenen PET-Flasche sei. Der Markt ist hart umkämpft, die Reviere abgesteckt. Ein Einzelkämpfer steht dabei einem dynamischen Unternehmertypen mit einer Assistentin, die sich vor Empörung kaum einkriegt, und einer selbstgebauten mobilen Sammelstelle gegenüber, behält aber diesmal noch die Oberhand, schließlich war ihm die Flasche zuerst versprochen worden – wenigstens einmal schlägt Kommunikation Organisation. Später, als sich der Platz immer mehr füllt, wird sich das Profi-Team durchsetzen.

Kurz nach halb sechs öffnen sich dann die Tore, ohne Eile und unaufgeregt strömen die Konzertgäste in den Innenraum und bevölkern die Ränge. Das Konzert ist ausverkauft, erstaunlicherweise bleiben am Bühnenrand über lange Zeit noch Plätze frei, ganz anders, als man das sonst kennt. Wir haben dahingehend ohnehin keine Ambitionen und finden gute Plätze in einem der mittleren Sitzblöcke mit guter Sicht auf das Geschehen.

Das Warten auf den Konzertbeginn wird uns aus der Reihe hinter uns mit einer angeregten Unterhaltung verkürzt. Keine Angst, ich habe niemanden belauscht. Das ist gar nicht nötig, denn die Beteiligten versuchen gar nicht erst, so etwas wie Privatsphäre aufrechtzuerhalten. Es handelt sich um ein Paar Anfang 50, die einen Bekannten entdeckt und zu sich geholt haben und nun in einer Lautstärke, die sich gewaschen hat, sich und (vor allem) den Umsitzenden ihre vergangenen Konzerterlebnisse um die Ohren hauen.

Wortführer ist dabei der Neuankömmling, eine Konzertprofi, der alles schon erlebt hat und nicht müde wird zu betonen, wie wenig Lust er eigentlich ursprünglich hatte, heute zur Waldbühne zu kommen: „Na ja, is Sonntach, schönet Wetter, wa? Ha’ick jedacht, ick kiek ma, wat jeht. Aba höchstens dreißig Euro, nicht dasset wieda so’ne Verarsche wie in der O2 World wird, da hat der doch nur seine Lieblings-Coversongs jespielt, sowat ooch.“ Also so eine Art Mario Barth, nur noch viel unlustiger.

Die Klage über den letzten Auftritt Gabriels in der O2 World bekommen wir noch öfter zu hören, müssen aber auch nicht darauf verzichten, uns eine ziemlich ausführliche Geschichte der Konzerte seines Lebens zu geben. Gegen Genesis in der Deutschlandhalle 1978 (O-Ton: „erstes ‘richtiges‘ Konzert“) oder Genesis Reunion Tour („Ditt war wirklich ‘ne Spitzen-Tour“) versucht das Pärchen mit den Rolling Stones zu punkten, aber wie soll das gehen, wenn sie nicht mal mehr wissen, wann das war: „Stones in Berlin? Wenn schönes Wetter war, war‘s Voodoo Lounge, bei Bridges to Babylon hattet jeregnet.“

Es folgt ein offener Schlagabtausch: „Bryan Adams!“ – „Den Knallkopp hab ick schon 1997 jesehen.“ – „Wir waren mal bei den Kaiser Chiefs, das war auch nicht so toll.“ – „Seid froh, dass ihr nicht bei der Bloodhound Gang wart. Der hat doch glatt von der Bühne ins Publikum gepullert.“ (Er sagt wirklich „gepullert“.) So geht das ungefähr eine halbe Stunde, zwischendurch wird wiederholt mit Blick auf die Uhr spekuliert, dass das heute auch wieder eine Verarsche ist, denn „… um zehne is hier Schicht, länger darf hier keener spielen.“

Irgendwie scheine ich bei meinen Konzertbesuchen solche … äh … interessanten Menschen anzuziehen. Was es diesmal so schlimm macht, ist die schon erwähnte Lautstärke des Palavers. Ich habe ein bisschen den Verdacht, dass man sich in Berlin, wo sich alle pausenlos gegenseitig anschreien, anders kein Gehör verschaffen kann, auch wenn einem ohnehin niemand zuhört.

Schwerstarbeit verrichtet unterdessen das Sicherheitspersonal: Es gilt, gegen renitente Bierzapfer und Brezelhändler einzuschreiten, die auf der Treppe links von uns doch tatsächlich etwas verkaufen möchten, was aber offenbar den Sicherheitsbestimmungen widerspricht. Besucher, die sich langwierige Treppenab- und –aufstiege sparen und durch eine Lücke in der Hecke abkürzen wollen, werden höflich, aber bestimmt auf den langen Weg außen herum geschickt. Und schließlich muss später auch noch der Zugang zum Innenraum wegen Überfüllung abgesperrt werden, so dass auch Toilettenrückkehrer nicht wieder zu ihrem angestammten Platz gelangen.

Gegen dreiviertel acht geht es dann endlich los. Peter Gabriel erscheint auf der Bühne und kündigt in deutscher Sprache den „Support Act“ des Abends an: Seine Backgroundsängerinnen Jenny und Linnea eröffnen mit eigenen Liedern einen Konzertabend der Extraklasse. Beide begeistern mit ihren wunderbar klaren Stimmen und schaffen eine gute atmosphärische Grundlage für den Hauptact.

Nach einer eine kleine Idee zu langen Umbaupause („… Um zehne is Schicht, wa?!“) nimmt Peter Gabriel am Klavier Platz und gibt eine kurze Einführung in den Ablauf der Show, die aus vier Teilen besteht: einem Akustik-Set, einem Querschnitt seines Schaffens mit voller Band, der Live-Aufführung des 1978er Erfolgsalbums „So“, dessen 25jähriges Jubiläum 2012 Anlass der noch bis Ende 2014 laufenden Tour war, und einem kleinen Zugabenteil.

Es wird ein großartiges Konzert. Gabriel und seine exzellenten Musiker spielen sich virtuos durch das Programm, die Routine aus dutzenden identischen Aufführungen im Verlauf der Tournee ist bei allen Beteiligten auf, vor, neben und hinter der Bühne spürbar, aber ohne dass es auch nur eine Sekunde langweilig wird. Zur Band gehören

Peter Gabriel (Vocals, Keyboards)
Tony Levin (Bass)
David Rhodes (Guitars)
David Sancious (Keyboards, Accordion, Guitar)
Manu Katché (Drums)
Jennie Abrahamson & Linnea Olsson (Backing Vocals)

Besonders freue ich mich über David Sancious, den erster Keyboarder der E Street Band, und Manu Katché, den ich schon mal mit Sting bei der „Brand New Day Tour“ 2000 sehen durfte.

Es ist eine tolle Konzertatmosphäre auf der Waldbühne, auch bei den etwas ruhigeren, melancholischen Stücken hört das Publikum aufmerksam zu, selbst die „Lautsprecher“ eine Reihe hinter uns sind schnell verstummt und konzentrieren sich auf das Konzerterlebnis. Bei Songs mit mehr Tempo und Rhythmus hält es kaum jemanden auf den Sitzplätzen, die Ränge grooven munter vor sich hin. Gekonnt werden dabei Lichteffekte und Videosequenzen – mal farbig, mal schwarz-weiß – mit der Musik verbunden, ein Fest für die Sinne.

Den atmosphärischen Höhepunkt erreicht der Abend, als mit „In Your Eyes“ der letzte Titel von „So“ erklingt und mir als einer der intensivsten Konzertmomente im Gedächtnis bleiben wird, die ich je erlebt habe. Dieser Song übt eine derart starke Magie aus, dass du für mehrere Minuten alles um dich herum vergisst, wenn die Musik inmitten tausender von Menschen von dir Besitz ergreift.

Ganz zum Ende, als letzte Zugabe gibt es dann die Anti-Apartheid-Hymne „Biko“, in seiner Anmoderation preist Gabriel die Errungenschaften der heutigen Zeit wie Mobiltelefone, die es den Menschen ermöglichen, sich weltweit zu vernetzen und so Teil gesellschaftlicher Bewegungen zu werden. Die Schlussfolgerung, dass solcherlei Möglichkeiten damals vielleicht Steven Bikos Tod in einem südafrikanischen Gefängnis hätte verhindern können, scheint mir dann doch etwas weit hergeholt. Vielleicht deshalb, aber sicher auch, weil ich immer noch von „In Your Eyes“ geflasht bin, erreicht der Song bei mir nicht ganz die mitreißende Wirkung, die ich erwartet hätte. Ein beeindruckendes Bild geben tausende erhobene Fäuste im Publikum dennoch.

Und das war die Setlist:

Acoustic session:
01 O But
02 Come Talk To Me
03 Shock The Monkey
04 Family Snapshot

Full band:
05 Digging In The Dirt
06 Secret World
07 The Family And The Fishing Net
08 No Self Control
09 Solsbury Hill
10 Why Don’t You Show Yourself?

So live:
11 Red Rain
12 Sledgehammer
13 Don’t Give Up
14 That Voice Again
15 Mercy Street
16 Big Time
17 We Do What We’re Told (Milgram’s 37)
18 This Is The Picture (Excellent Birds)
19 In Your Eyes

Encore:
20 Jetzt Kommt Die Flut
21 The Tower That Ate People
22 Biko

 

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2 Kommentare zu “In Your Eyes

  1. Man – da hast Du ja wieder alles gut aufgearbeitet. Sehr interessanter bericht. Ich habe das Lesen genossen. Ich überlege ob ich mir Deinen privaten Konzertterminplan geben lasse, damit ich meinen damit abstimmen kann, um hinterher so einen Bericht genießen zu können. Ich überlege halt noch … 🙂 Schönen Männertag … und danke

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