Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Trainless in Killie

2 Kommentare

Schottland 2014 – Tag 1

Wir haben wieder März und das bedeutet: Triff dich mit Freunden, steigt zusammen ins Flugzeug, fliegt auf und davon und macht etwas, woran ihr wirklich Spaß habt. Auch im Jahr 2014 heißt das:

St. Patrick’s Weekend in Glasgow!

Von der 2013er Crew sind außer mir nur noch Thommy, Rinne und Matze wieder dabei, Conny und Ajax mussten leider in letzter Minute ihre Teilnahme absagen. Ansonsten ist die Gruppe nicht nur zahlenmäßig deutlich stärker, auch die Altersstruktur ist wesentlich breiter gefächert als vor einem Jahr. Unsere U25-„Krabbelgruppe“, bestehend aus Jen, Norma und Lukas, wird im Laufe der Tage noch für viel Freude sorgen. Mehr oder weniger knapp dem Krabbelalter entwachsen – zumindest biologisch – sind Paule, Schmahli, Han, Lutscha und der Vermesser. Und schließlich sorgen der Union-Fanbeauftragte Lars und seine Anja sowie Aufsichtsrat Dirk für die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Promi-Quote.

Wie üblich steht am Anfang die intensive Sicherheitskontrolle, und wie üblich darf sich der Hanseat zwischen all den Unionern wieder besonderer Zuwendung erfreuen. Mein Deo hat es der ebenso freundlichen wie neugierigen Kontrolleurin angetan und sorgt dafür, dass es sofort zwischen uns funkt. Sicher kennt ihr aus der Werbung den Axe-Effekt: Besagter Duft bringt Frauen (die ich von Hause aus ohnehin alle haben kann) fast um den Verstand und lässt sie seltsame Dinge tun, wenn er ihnen in die Nase steigt. Daran hätte ich natürlich denken sollen, bevor ich leichtfertig meine Weiterreise aufs Spiel setze, denn wenig überraschend möchte mich die Dame gleich da behalten. Zum Glück finden wir einen Kompromiss: Ich überlasse ihr mein Deo aus dem Koffer, zwei glücklich strahlende Augen schauen mir nach, während ich im Transit-Bereich verschwinde.

Treffpunkt der Reisegruppe ist der Kilkenny Pub im Flughafen Berlin-Schönefeld, wo nach und nach alle Reiseteilnehmer eintreffen und zur Erwärmung schon mal den einen oder anderen Schluck Bulmers durch die Kehle laufen lassen, bis dann fast pünktlich unser Silbervogel von der Start- und Landebahn abhebt, um uns ins gelobte Land zu bringen. Unterwegs studiere ich den vom Vermesser liebevoll gestalteten Flyer zur „Union Supporters Scotland-Tour“, der einen schönen Überblick über das Programm der nächsten fünf Tage gibt. An alles ist gedacht, sogar eine (Thommys) Telefonnummer für Notfälle ist angegeben. Nur über die Definition eines Notfalles unterscheiden sich die Ansichten zwischen Thommy und seinen Anvertrauten.

Der Flug verläuft ähnlich ruhig wie der im letzten Jahr, kurzzeitig etwas Aufregung gibt es nur, als ein kleines Mädchen, ca. drei Jahre alt, nicht warten möchte/kann, bis die von einem Mitglied unserer Reisegruppe okkupierte Bordtoilette endlich freigegeben wird. Zum Glück gelingt es dem sehr aufmerksamen Vater, das Äußerste zu verhindern. Später beim Landeanflug werden wir etwas durchgeschüttelt, da muss an den Luftstraßen noch einiges gemacht werden, sonst sitzt man im AirBUS nicht besser als in seinem kleinen Bruder auf der Straße.

Nach der erfolgreichen Landung stellt sich heraus, dass das von Thommy vor Reisebeginn verhängte Kofferverbot ignoriert wurde. Diese grobe Insubordination (Name des Delinquenten ist bekannt) stellt eine ungeheuerliche Provokation dar, die in etwa dem Zeigen eines Banners mit der Aufschrift „BFC Dynamo Berlin“ gleichkommt. Zum Glück behalten alle die Nerven, was vermutlich nur meiner hanseatisch-deeskalierenden Anwesenheit zu verdanken ist. Glasgow darf kein zweites Stockholm werden!

Dann geht es in drei Taxis zu unserem bewährten Nachtquartier, dem Euro Hostel in der Clydestreet. Das Einchecken geht superschnell, mein Zimmer befindet sich diesmal in Etage 4, so dass ich gleich freiwillig auf den Fahrstuhl verzichte und den Weg durchs Treppenhaus nehme. Oben angekommen funktioniert allerdings meine Zimmerkarte nicht. Nach etwa zehn Fehlversuchen in allen möglichen Einsteckvarianten überlege ich, nach unten zur Rezeption zur gehen um diesen Zustand anzuprangern. Vorher schaue ich aber noch einmal mit Brille auf meine Registrierung und … siehe da: Ich habe Zimmer 403 und nicht 402, in das ich gerade einzudringen versuche. Nachdem das erledigt und das Reisegepäck im Zimmer verstaut ist, treffen wir uns in der Hotelbar „Mint & Lime“, von wo aus wir nach dem obligatorischen Cider zum ersten Highlight des langen Wochenendes aufbrechen.

Unser Reiseziel ist das etwa eine Bahnstunde in südwestlicher Richtung gelegene Kilmarnock, wo Celtic am Abend in der SPL beim örtlichen FC antritt. Im Zug von Glasgow Central Station nach „Killie“ lernen wir die „Parkhead Bhoys“ kennen, vier junge Glasgower, die uns spontan mit selbst kreierten (und teilweise sehr schräg schmeckenden) Mixgetränken versorgen und sich im weiteren Verlauf des Abends als sehr aufmerksame Begleiter erweisen. So geleiten sie uns vor dem Spiel in ein Etablissement namens „The Hunting Lodge“, wo sich (ausschließlich) Celtic-Fans die Zeit bis zum Spiel bei Musik und Getränken vertreiben können. Eine schöne Idee – ich versuche, mir das mal bei Auswärtsspielen des FCH vorzustellen, breche aber sofort in ein inneres hysterisches Gelächter aus. Die Stimmung ist jedenfalls großartig und etwa 30  Minuten vor Spielbeginn begeben wir uns dann inmitten einer euphorisierten Menge in Richtung Rugby Park.

Der Weg zum Stadion führt durch klassisch britisch anmutende Reihenhaussiedlungen, wie Motten strömen die Besucher aus verschiedenen Richtungen auf die zwischen den Häusern strahlenden Flutlichter zu – ein erhebendes Gefühl für uns, die wir von künstlichen Arenen auf grünen Wiesen geschädigt sind. Der Einlass durch die Drehkreuze geht wieder schnell und wir stürzen uns ins Getümmel des Chadwick Stand. Die Gästetribüne ist sehr gut gefüllt, nach unseren nummerierten Plätzen suchen wir gar nicht erst und verteilen uns in kleinen Gruppen über die Blöcke.

Fußballerisch hat die erste Halbzeit nicht allzu viel zu bieten, wobei ich da als einziger „Drittligist“ in der Reisegruppe doch recht schmerzfrei bin bei dem, was ich sonst regelmäßig zu sehen bekomme. Celtic gelingt es, mit wenig Aufwand die Gastgeber vom eigenen Tor fernzuhalten, nach vorn fällt den Bhoys aber auch nicht wirklich etwas ein. In der zweiten Halbzeit, die deutlich mehr nach Fußball aussieht, zeigen sich die Gäste dann mit mehr Biss und erzwingen nach knapp 60 Spielminuten durch einen Doppelschlag von Commons die Spielentscheidung, später, kurz vor dem Abpfiff trifft der gleiche Spieler noch einmal zum 0:3-Endstand.

Was dieses Spiel tatsächlich zum Erlebnis macht, ist der grandiose Auswärtsauftritt des Celtic-Anhangs, der auch für die sehr dürftige Atmosphäre ein Jahr zuvor im Celtic Park mehr als entschädigt. Beide Hintertortribünen im Rugby Park sind fest in grün-weißer Hand, während des Spiels schallen immer wieder Wechselgesänge von einer Seite zur anderen. Selbst ein bisschen grünen Rauch gibt es nach den Toren zu sehen. Und immer wieder passt sich die Stimmung im Block dem Geschehen auf dem Platz an – lustig zu beobachten ist, wie auch „ältere“ Herrschaften voller Inbrunst in Pöbelgesänge einstimmen, als wollten sie uns veranschaulichen, was genau mit „offensive behaviour“ gemeint ist, gegen das die schottischen Behörden so vehement vorzugehen versuchen.

Nach dem Schlusspfiff leeren sich die Tribünen schnell und auch wir gehen zurück zum Bahnhof. In meinem Inneren freut sich ein Vierzehnjähriger der 1970er Jahre, dessen großer Wunsch, einmal die legendäre Stimmung in britischen Stadien selbst zu erleben, nun endlich erfüllt wurde. Am Bahnhof angekommen, müssen wir erst mal eine Weile draußen warten, dann lässt man uns auf den Bahnsteig. Inmitten eines auffällig jungen Haufens Celtic-Fans (selbst unsere „Krabbelgruppe“ geht da als alt durch) warten wir erneut. Die Kids sind gut drauf, ab und zu (wenn gerade kein Polizist guckt) ruft einer die berühmten vier Buchstaben, ansonsten ist die Atmosphäre äußerst entspannt. Leider gibt es keine Informationen, wann denn mit Abfahrt eines Zuges zu rechnen ist, so dass wir uns langsam Sorgen machen, ob wir da jemals wieder wegkommen werden. In diesen Minuten wird ein Mythos geboren:

Ich stand schon mitten in der Nacht ohne Zug auf dem Bahnsteig in Kilmarnock. Und du?!

Irgendwann kommen wir dann doch weg, nach Ankunft in Glasgow geht es mit unterschiedlichen Prioritäten weiter. Thommy als erfahrener Schottland-Reisender begibt sich zielstrebig in McSorley’s Music Bar, um vor Ausrufung der Sperrstunde schnell noch ein Fässchen Cider zu vertilgen, bei Matze, Lukas und mir siegt zunächst der Hunger. Wir steuern zielstrebig auf einen Ort zu, den wir auch mit verbundenen Augen finden würden, und gönnen uns die bewährten Nudel-Leckereien. Der Laden heißt jetzt zwar Noodle Stop und nicht mehr Chopstix – aber sonst änderte sich nix.

Danach passiert, was passieren muss – wir werden an mehreren Pubtüren abgewiesen: „Sorry guys, we’re closed.“ Thommy, das alte Schlitzohr, der gerade zum Rauchen vor die Tür von McSorley’s gekommen ist, macht sein Siehste-Gesicht und hat – wie immer – Recht behalten. Im „Mint & Lime“ haben wir dann Glück und bekommen doch noch ein paar Pints ausgeschenkt. Der Mann hinterm Tresen kriegt sich kaum ein, als er hört, was wir heute erlebt haben: „You’ve come over from Germany to support Celtic in Kilmarnock?! Incredible!”

Allerdings hindert ihn das nicht daran, auch hier die Sperrstunde auszurufen, und so trinken wir – die bohrenden Blicke des Aufräumkommandos im Nacken – aus und lassen einen erlebnisreichen Tag ausklingen. Dank des Fußballspiels sind wir sofort auf Betriebstemperatur und freuen uns auf das, was uns in den nächsten Tagen bevorsteht und worüber weitere Berichte folgen werden:

Tag 2:    Fußball … Partick Thistle v. Hibernian Edinburgh

Tag 3:    Tagesausflug … Edinburgh

Tag 4:    Stadiontour … Celtic Park und natürlich: ST. PATRICK’S DAY

Tag 5:    Tagesausflug … Highlands

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2 Kommentare zu “Trainless in Killie

  1. Hey Brüderchen,
    schön, wieder von Dir zu lesen. Nu schreib ma weiter, hab Lust auf meeeehrrr!

  2. Hey Hansi,
    deine Schwester hat recht, du solltest Columnist werden

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