Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

OMEGA Rhapsody – Rostock

Ein Kommentar

Der Auftakt des Konzertjahres 2014 hielt für mich eine Reise ganz weit zurück in die eigene musikalische Vergangenheit bereit.

Einige Jahre, bevor der Boss mit seiner Musik Mitte der 80er Jahre meine Magnetbandkassetten zu dominieren begann, war Pink Floyd meine klare Nummer Eins, hatte sich schnell dazu entwickelt, seitdem ich begonnen hatte, bei Musik auch mal hinzuhören. Wie bei allen westlichen Bands war es äußerst schwierig, an Tonträger heranzukommen, also blieb nur das übliche Mitschneiden im Radio oder das gegenseitige Überspielen.

Gewissermaßen als „Ersatz“ konnte man jedoch Schallplatten von Bands aus den „sozialistischen Bruderländern“ in rauen (Sch..-Rechtschreibreform) Mengen erwerben, die Nase vorn hatten hier Künstler und Bands aus Polen (Czeslaw Niemen, Budka Suflera, aber auch so eine Art polnische Flippers, die Roten Gitarren *grrrh*) und vor allem aus Ungarn (Zsusza Koncz, Kati Kovacs, Locomotiv GT, Piramis, P-Mobil u. v. a.). Die mit Abstand erfolgreichste dieser Bands war jedoch OMEGA.

Gegründet 1962, also noch vor meiner Geburt, war das eine der größten Bands des Ostblocks, zumindest ein Lied sollte jeder irgendwann in seinem Leben schon mal gehört haben: das berühmte Mädchen mit den Perlen im Haar, ungarisches Original: „Gyöngyhajú lány“, in der DDR hatte Frank Schöbel mit der deutschsprachigen Version „Schreib es mir in den Sand“ einen „Mega-Hit“, wie man im Dudelfunk heute sagen würde, wenngleich fraglich ist, ob der Chartradio-Hörer im 21. Jahrhundert überhaupt die Geduld aufbringt, sich ein solches Werk bis zum Ende anzuhören.

Mit OMEGA zog ein leiser Hauch der großen Welt in meine Plattensammlung. Musikalisch hatte ich ohnehin nichts an ihnen auszusetzen, lediglich der Gesang in ungarischer Sprache war etwas gewöhnungsbedürftig. Aber auch die Plattenhüllen sahen für die damalige Zeit schon geradezu revolutionär aus und brauchten den Vergleich mit den großen Vorbildern jenseits von Elbe, Ärmelkanal oder Atlantik nicht zu scheuen. Eines der gelungensten Beispiele dahingehend ist das 1979er Gammapolis, das im gleichen Jahr erschienene Live-Doppelalbum „Kisstadion ‘79“ steht diesem nicht nach. Kurz: hatte man sich erst mal an die unverständlichen Texte gewöhnt, ging OMEGA trotz östlicher Herkunft durchaus als „cool“ durch und hatte eine recht große Fangemeinde.

Leider war es mir bis zum gerade vergangenen Wochenende nie vergönnt, die Band einmal im Konzert zu erleben. Einmal hätte es fast während meiner Studienzeit in Kamenz geklappt, aber das geplante Open Air auf dem Hutberg wurde witterungsbedingt in den Saal des Hauses der NVA verlegt, ich hatte dann leider keine Karte mehr abbekommen.

Später dann mit der musikalischen „Neuorientierung“ verlor ich OMEGA etwas aus den Augen, zwar hörte ich mir immer noch ab und zu meine Platten an, wie es aber für die Band weiterging, bekam ich nicht mehr mit. Wenn es neue Platten gab, habe ich mir die geholt, aber an die großen 70er Alben wie „Time Robber“ oder „Gammapolis“ reichte das nicht mehr ran.

Wir machen einen kleinen Zeitsprung. Ende Dezember gewinnt mein Hansa-Freund Adrian aus Rostock bei den Norddeutschen Neuesten Nachrichten zwei Freikarten für die „Omega Rhapsody“ in der Rostocker Stadthalle und bietet mir an, ihn dorthin zu begleiten. Natürlich brauche ich nicht lange zu überlegen, ob ich die Helden meiner Jugend mit 35 Jahren Verspätung doch noch im Konzert erleben will, und sage zu.

Und dann ist der große Tag endlich gekommen. Durch die eisige Kälte gehen wir zügigen Schrittes zur Stadthalle, wo an der Abendkasse die Karten für uns hinterlegt sind. Wir müssen ein paar Minuten warten, bis sich die Sieger eines Radiogewinnspiels mit ihrem Betreuer und der Dame hinterm Tresen geeinigt haben, wer nun mit wem wo sitzen soll, und ob die Ehefrau des Radiomenschen auch wirklich sie selbst ist. Nachdem Einigkeit erzielt ist, sind wir an der Reihe. Adrian reicht den Ausweis durchs Fenster, buchstabiert NNN, die Dame sucht nervös ihren Schreibtisch ab und fragt: „Presse?“ – „Nein, Freikarten.“ Wirklich hilfreich scheint unsere Antwort nicht zu sein, aber letztlich siegt die Lösungskompetenz und wir bekommen zwei Karten von einem der vielen Stapel. Endlich dürfen wir ins Warme.

Wir schauen kurz beim Merchandising vorbei, dort hängt neben Klamotten der Band und des Supportacts irritierenderweise auch ein Shirt der Ramones, da ein ziemliches Gedränge herrscht, gelingt es uns aber nicht, nach dem Grund dafür zu fragen. Ein Bierchen genehmigen wir uns noch, bevor wir hinein gehen. Der Innenraum der Stadthalle ist komplett bestuhlt, die Bühne steht auf der rechten Längsseite. Unsere Plätze liegen mittig und sechs Treppenstufen hoch  gegenüber der Bühne auf der anderen Hallenseite, so dass wir eine sehr gute Sicht auf das Geschehen haben.

Im Vorprogramm tritt der Sänger Markus Siebert auf, der Akustikversionen eigener Songs vorträgt. Eine solide Vorstellung ruhiger, teils nachdenklicher Lieder, die den Geschmack des Publikums trifft, und mit der Reduzierung auf rein Musikalisches einen guten Kontrast zum nachfolgenden Hauptact, der alle Sinne beanspruchen wird, setzt. Neben den eigenen Liedern beweist Markus Siebert ein geschicktes Händchen für den „Fremdanteil“, indem er seinen Auftritt mit je einem Springsteen-Song beginnt und beendet.

Ein weiterer Vorteil des solistischen Vorprogrammes besteht darin, dass im Anschluss kein umständlicher Bühnenumbau die Wartezeit auf die Stars des Abends unnötig in die Länge ziehen wird. Und so beginnt nach etwa 15 Minuten das Programm: Die Musikerinnen und Musiker des Akademischen Orchesters der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg nehmen ihre Plätze ein, Lászlo Benkö (keyb) und Ferenc Debreceni (dr) – zwei „alteingesessene“ Bandmitglieder sowie Keyboarder Zsolt Gömöry als einer der „Neuen“ gesellen sich dazu und mit dem Eingangsmotiv aus Beethovens 5. Sinfonie beginnt eine denkwürdige Show.

Das Eröffnungsstück wirkt wie eine Art Ouvertüre, es werden Titel aus der OMEGA-Historie in Instrumentalversionen miteinander verknüpft. Schon dabei beeindruckt das perfekte Zusammenspiel der Band mit dem Sinfonieorchester. Alle Arrangements sind so gestaltet, dass das Orchester nie als störend empfunden wird. Im Gegenteil, die klassischen Klänge bereichern den Sound ungemein, die wesentliche Songstruktur bleibt aber immer erhalten, so dass es bei mir immer wieder zu Wiedererkennungseffekten kommt – nach teilweise immerhin mehr als dreißig Jahren. Diese sinfonischen Intermezzos gibt es mehrmals im Verlaufe des Abends, leider – und das ist mein einziger „Kritikpunkt“ – komme ich so bei einigen meiner persönlichen Favoriten nur in den Genuss der instrumentalen Darbietung. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Natürlich ist die Band dann während des überwiegenden Teiles des Konzertes komplett: Frontmann János Kóbor, Gitarrist Tamás Szekeres und die altersmäßig nun so gar nicht ins Bild passen wollende Bassistin Kathy Zee sorgen – oft in Interaktion mit dem Orchesterdirigenten Matthias Erben – dafür, dass die Show nicht ausschließlich aus Licht und Tönen besteht. Alle haben sichtlich Spaß an ihrer Musik, die 70 Jahre Lebensalter merkt man János Kóbor nicht in seinen Bewegungen und schon gar nicht stimmlich an. Und so kündigt er auch gleich an, dass die Band, was die Zukunftspläne angeht, es den Rolling Stones gleich tun, also so lange wie sie weiter machen will – mindestens.

Meine Höhepunkte des Abends sind die beiden Lieder aus „Idörabló“ (Time Robber), dem erfolgreichsten OMEGA-Album: „Éjféli koncert“ (Late night show) und „Napot hoztam, csillagot“ (House of cards, Part I). Im Zugabenteil gibt es dann später auch noch „Lena“ (Russian Winter) und das Frühwerk „Petróleum lámpa“, bei denen das Publikum mal richtig aus sich heraus kommt. Ungarische Fahnen und Schals sind zu sehen, fast die ganze Halle (geschätzte 1500 Zuschauer) steht beziehungsweise klatscht und tanzt.

Und so nähert sich eine großartige Show dem Ende, aber natürlich nicht ohne DEN OMEGA-Song schlechthin, beim bereits erwähnten „Gyöngyhajú lány“ hält es nun niemanden mehr auf den Sitzen. Wenn nur die ungarische Sprache das Mitsingen nicht so schwer machen würde! Es gibt also einiges zu üben. Es ist zu wünschen, dass es ein nächstes Mal gibt.

Nach dem Konzert treffen wir noch „Richy“, einen bekannten Fan der Stuttgarter Kickers, der vom Ligaspiel in Kiel aus spontan nach Rostock gefahren ist, um diesen Abend nicht zu versäumen. Während Richy in der Hoffnung auf Autogramme noch auf die Band warten will, stürzen wir uns in die LOHRO-Klubnacht und lassen den Abend im Peter-Weiss-Haus bei ganz anderen Klängen von 44 Leningrad und den Kudders ausklingen.

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Ein Kommentar zu “OMEGA Rhapsody – Rostock

  1. Danke für diesen schönen Stimmungbericht. Genau so war es!

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