Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Advent im Paradies

Ein Kommentar

Adventszeit bedeutet für mich, noch einmal vor Weihnachten der Familie und der alten Heimat einen Besuch abzustatten. Wenn es der Spielplan hergibt, verbinde ich das gern mit dem einen oder anderen Fußballspiel. Diesmal hatte ich mich im Vorfeld für das Spiel der Regionalliga Nordost zwischen dem 1. FC Lok Leipzig und dem SV Babelsberg 03 entschieden, das jedoch leider einem Wasserschaden im Bruno-Plache-Stadion zum Opfer fiel. Schade, denn da war ich zuletzt 1989 oder so.

Aber Ersatz ist schnell gefunden: In Jena erwartet der FC Carl Zeiss den unangefochtenen Spitzenreiter und selbsterklärte kommende Fußballgroßmacht von Mecklenburg-Vorpommern, die TSG Neustrelitz. Fantechnisch sicher nicht annähernd so interessant wie das Leipziger Spiel, konnte man jedoch zumindest fußballerisch einiges erwarten. Außerdem ergibt sich so die Möglichkeit, vielleicht den einen oder anderen Fußballkontakt nach Thüringen aufzufrischen.

Bei der Anfahrt zum Ernst-Abbe-Sportfeld, von der A4 kommend, ist eineinhalb Stunden vor dem Anstoß noch nicht viel davon zu spüren, dass nur wenig später das Spitzenspiel der Regionalliga Nordost stattfinden wird. Auch auf dem großen Parkplatz gegenüber vom Haupteingang geht es sehr beschaulich zu. Hier und da gönnt man sich noch ein Bierchen aus dem Kofferraum, einzelne versprengte Gestalten mit TSG-Schal sind zu sehen, werden jedoch von den Einheimischen nicht zur Kenntnis genommen. Überhaupt sind nicht allzu viele Fans aus dem Nordosten zum Spiel angereist, im Gästeblock werden sich später etwa 20 bis 30 (grob geschätzt) einfinden.

Ich treffe mich pünktlich um 12 Uhr mit meiner Kontaktperson, einem im Rudolstädter Exil lebenden Hanseaten namens W., in der Nähe eines mir noch als Kiosk erinnerlichen Gebäudes, das sich inzwischen im Besitz einer orthodoxen Glaubensgemeinschaft zu befinden scheint, wenn man nach den an die Dachumrandung genagelten Thesen urteilt. Die qualvolle Entscheidung, ob ich mir den neuen „Wachturm“ kaufe oder nicht, wird mir jedoch abgenommen, der Laden ist geschlossen. So gibt es statt geistlicher noch etwas geistige Erbauung aus dem Kofferraum meines „Gastgebers“, bevor wir uns langsam in Richtung Stadion begeben.

Der Andrang an den Tageskassen ist relativ überschaubar. Erfreulicherweise bekomme ich den Tribünenplatz neben W., das moderne Ticketsystem im Ernst-Abbe-Sportfeld macht es möglich. Vielleicht haben wir so etwas bei Hansa ja auch irgendwann. Am Einlass müssen wir uns kurz anstellen, während der Wartezeit entspinnt sich eine spontane Diskussion über die Sinnhaftigkeit der doch recht beträchtlichen Polizeipräsenz rund um das Stadion, die schnell in Richtung Bielefeld/Dresden abgleitet. Schwieriges Thema, ohne Frage, das Spektrum der Meinungen ist doch recht breit, allerdings gibt es auch von sogenannten „Normalos“ nicht ausschließlich Pauschalschelte für „die“ Dynamofans. Wir verzichten dann aus Zeitgründen darauf, unseren präferierten Verein mitzuteilen, das hätte sicher für Stimmung gesorgt. Aber wir sind ja auch nicht zum Stänkern da.

Nachdem die Einlasskontrolle erledigt ist, folgt zunächst ein bisschen Sightseeing. Da fällt natürlich als erstes der Fuß des ehemaligen Flutlichtmastes hinter der Heimkurve ins Auge. Das schon bei der Anfahrt aufkommende leise Gefühl, dass irgendetwas fehlt, wird nun traurige Gewissheit. Eine bittere Geschichte, die man nicht glauben will, bevor man es selbst gesehen hat. Wer einmal ein Flutlichtspiel im vollbesetzten Sportfeld erlebt hat, weiß, was ich meine.

Bevor wir unsere Plätze einnehmen, checken wir kurz noch das Verpflegungsangebot. Aus dem Gästeblock heraus war das ja bislang immer nicht so prickelnd. Als Heimzuschauer kann man sich da aber echt nicht beschweren, das Sortiment geht weit über die in so vielen Stadien übliche 4B-Einerlei aus Bratwurst, Bockwurst, Bier und Brause hinaus. Es gibt auch Pizza und – dafür gibt von mir es einen Zusatzpunkt – Lángos, eine ungarische Brotspezialität, die ich 1989 bei einem Lehrgang in der Slowakei kennengelernt hatte. Ein Becher Glühwein mit 50 Cent Becherpfand beschließt das Vorspiel-Menü, ab auf die Tribüne.

Wir sitzen fast unterm Dach, leider auf der dem Gästeblock abgewandten Seite, so dass ich mir den Neustrelitzer Mob nicht aus der Nähe ansehen kann. Allzu viel geben die paar Hanseln natürlich auch nicht her, ich bin überhaupt erstaunt, dass dieses Spiel der Möchtegern-Nummer-Eins in Mecklenburg-Vorpommern offenbar daheim kaum Interesse findet, gehört doch Jena unbestritten zu den absoluten Topzielen in der Regionalliga Nordost. Ein paar Neustrelitzer präsentieren kurz ihre entblößten Oberkörper, dazu gibt es „Spitzenreiter!“-Sprechchörchen, das war es dann aber auch schon. Während des Spiels kommt am anderen Stadionende nichts mehr an.

Dann steigt das Spitzenspiel. Nach nicht einmal zehn Minuten steht es bereits 1:1, die mit starkem Einsatz im Strafraum erzielte Führung des FCC gleichen die Gäste im direkten Gegenzug aus. Hier, wie auch im weiteren Verlauf, wird dann deutlich, dass diese Mannschaft nicht zufällig die Liga in der Hinrunde fast nach Belieben dominiert hat. Den Gastgebern gelingt gegen eine gut organisierte, aufmerksame Defensive fast überhaupt nichts, während die TSG immer wieder gefährliche Konterangriffe spielt. Aber die Chancenverwertung …

Im zweiten Spielabschnitt verstärkt Jena seine Bemühungen. Das sieht immer noch nicht viel besser aus, dennoch gelingt nach etwas mehr als 60 Minuten Jena die erneute Führung. Neustrelitz bleibt optisch gefälliger, aber weiterhin uneffektiv. In der Nachspielzeit zeigt dann auch Carl Zeiss mal einen sehenswerten Konterangriff, der mit dem entscheidenden 3:1 belohnt wird. Neustrelitz verliert zum zweiten Mal in dieser Saison, nachdem zuvor dreizehn (!) Spiele in Folge gewonnen wurden. Der Vorsprung auf die Verfolger beträgt immer noch 7 Punkte, man darf nun gespannt sein, wie die Elf von Trainer Thomas „Todesangst“ Brdaric nach der Winterpause aus den Startlöchern kommt. Ob der FCC die Qualität hat, der TSG noch entscheidend auf die Pelle zu rücken, muss ich nach dem „Spitzenspiel“ bezweifeln, allerdings habe ich die Mannschaft auch nur in diesem einen Spiel gesehen.

Nach langer Zeit zum ersten Mal wieder gesehen habe ich auch die Jenaer Südkurve, also die Heimhälfte. Optisch machte der Block wie immer einen guten Eindruck, wobei mir persönlich das permanente Fahnenwedeln mächtig auf die Nerven gehen würde, ist wohl Geschmackssache. Akustisch habe ich die Jungs aber schon sehr viel besser erlebt, wobei natürlich die aktuelle Ligazugehörigkeit nicht bei der Bewertung ausgeklammert werden darf. Ein kleiner aktiver Kern rund um die „Horda Azzuro“ ist beständig am Singen, wobei hier aber auch schon ein Teil des „Problems“ liegt. Es ist dieser nur selten ansteckende Dauer-Singsang, der in seiner Selbstverständlichkeit lähmend auf den Rest des Stadions wirkt. Nur selten reißt es die Tribünenbesucher mal von ihren Sitzen, lediglich in der Schlussphase merkt man dann auch bei uns auf der Haupttribüne mal, dass man bei einem Fußballspiel ist.

Es gibt jetzt in Jena auch ein Maskottchen, der kleine Piepmatz hört auf den originellen Namen „Zeissig“, nun ja. Auch die Präsentation von Spielereignissen durch Sponsoren nimmt schon bedenkliche Ausmaße an. Wie die Entwicklung mit dem im Raum stehenden Einstieg eines ominösen belgischen Investors weiter geht, bleibt abzuwarten. Erfreulicherweise spielte das zumindest in meiner unmittelbaren Tribünenumgebung gar keine Rolle, dafür bereiteten mir die vorauseilenden Lobpreisungen durch den Jenaer Präsidenten im MDR-Sport schon Kopfschmerzen. Beispiel: Es wird versichert, dass die operative Entscheidungsgewalt komplett in Vereinshänden bleibt. Gleichzeitig findet man nichts dabei, dass dieser Investor bei einem seiner belgischen Vereine den Austausch des Trainers veranlasst hat, sich also offenbar durchaus ins Tagesgeschäft einmischt. Und so ist es wohl kein Zufall, dass schon erste spöttische Kommentare aus Leipziger Brausekreisen die Runde machen.

Abgesehen vom Investorenthema brennt den Jenaern der geplante Stadionneubau/-umbau unter den Nägeln. Diesbezüglich sieht es wohl im Moment mit dem Erhalt des jetzigen Standortes ganz gut aus. Man kann nur hoffen, dass die Fanszene in Jena einen langen Atem hat, um die Verantwortlichen beim Erhalt einer traditionsreichen Sportstätte nicht vom Wege abkommen zu lassen.

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Ein Kommentar zu “Advent im Paradies

  1. Nicht so spöttisch. Schaut man mal in die Gästeblöcke der Stadien, wo z.B. der VfL Wolfsburg gastiert, so hat Neustrelitz doch schon Bundesliga-Format…

    Es wäre zu wünschen, dass Carl Zeiss nicht vom Weg abkommt. Ist die Frage, ob es dort ohne (diesen) Investor eine mittel- und langfristige Zukunft gibt.

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