Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Bruce Springsteen in Leipzig

Ein Kommentar

Das Leipziger Zentralstadion – was habe ich dort schon alles erlebt. Große Fußballspiele im Europapokal, Qualifikationsspiele zur WM oder EM oder heiße Leipziger Ortsderbies, die diese Bezeichnung noch verdienten. Als Schüler bin ich noch im Innenraum zu Leichtathletik-Wettkämpfen angetreten. Kurz und gut – es sind sehr schöne Erinnerungen mit dem alten Stadion verbunden. Letztlich hat aber alles seine Zeit, aus den Rängen des alten Stadions wuchs inzwischen eine moderne Arena, deren neuer Name ebenso wenig wie der des aktuellen „Mieters“ in einem Text wie diesem etwas verloren hat.

Bleiben wir also ruhig bei „Zentralstadion“, das nach all dem großen Sport nun Schauplatz meines neunten und (vorerst) letzten Springsteen-Konzertes werden sollte. Ich hatte mir sofort nach Veröffentlichung des Konzerttermins meine Innenraumkarte besorgt, was rückblickend betrachtet etwas voreilig war, denn im Nachhinein wurden immer mal wieder die anfangs sofort vergriffenen Front-of-Stage-Tickets unters Volk gebracht. Na ja, bei der nächsten Tour klappt es bestimmt. Um trotzdem nicht zu weit weg von der Bühne zu stehen, hatte ich mich darauf eingestellt, rechtzeitig am Einlass zu erscheinen.

Praktischerweise muss ich dank der vorausgegangenen Wochenendgestaltung (ein Fußballturnier in der Nähe von Berlin) am Konzerttag nur noch etwa ein Drittel der ursprünglichen Strecke von Schwerin nach Leipzig überwinden. Folgerichtig treffe ich sehr, sehr frühzeitig am Leipziger Sportforum ein, wo ich auch entgegen medialen Ankündigungen sofort einen freien Parkplatz finde. Als ich die Freudentränen aus dem Gesicht gewischt habe, fällt mein wieder klarer Blick auf die Parkgebühr: 10 Euro. In Worten: ZEHN EURO! Wenigstens habe ich einen Platz nur 20 Meter von der Ausfahrt entfernt bekommen, was nach dem Konzert sicher ein Vorteil sein dürfte. Stundenlange Warterei kann ich angesichts nächtlich abzureißender knapp 400 Kilometer nun gar nicht gebrauchen. Also sei es drum, dann wird der Betrag eben aus dem Merchandising-Etat abgezweigt.

Oh, ich Ahnungsloser! Erst mal darf ich nicht rückwärts einparken, dass das später beim Einfädeln in den Strom der abfahrenden Fahrzeuge zu erheblichen Verzögerungen führt, versteht sich von selbst. Die freundlichen Einweiser und Kassierer werden zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr vor Ort sein, ebenso wenig wie jemand, der die stur ihren fest programmierten Rhythmus durchziehende Ampelanlage an der Kreuzung zur gesperrten Jahnallee abschaltet und mittels Handregelung für einen halbwegs zügigen Abfluss sorgt.

Den nächtlichen Dauerbetrieb von Ampeln hat die Messestadt natürlich nicht exklusiv, zwei Dorfkreuzungen auf dem Wege zur Autobahn sorgen dafür, dass die letzten acht Kilometer vor der Anschlussstelle Leipzig-West mit höchstens doppelter Schrittgeschwindigkeit absolviert werden. Schön, wenn die Verkehrsorganisation in Großstadt und Umland einem ganzheitlichen Konzept folgt. Wenn man sich vorstellt, dass dort mal jemand Olympische Spiele durchführen wollte …

Egal, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, ich bin also überaus frühzeitig  angekommen und muss mir nun die Zeit bis zum Einlass irgendwie vertreiben, sprich: eine Kleinigkeit essen und ein wenig Flüssigkeit aufnehmen, wobei die Betonung auf „wenig“ liegt, da eines der ältesten Naturgesetze besagt: Die Blase ist der natürliche Feind des Konzertgängers. Ich hole mir also an einer nahe gelegenen Tankstelle eine Wurst und Mineralwasser und lasse mich dann an der Festwiese nieder, wo ich eine Weile dem Treiben der Rollcall-Teilnehmer zusehe.

Man kann ja zu dieser Prozedur stehen, wie man will, aber wenn sie funktioniert (und in Leipzig hat sie das offenbar), ist das eine gute Sache, um einen geordneten Einlass ohne unwürdiges Gerenne zu gewährleisten und frühes und ausdauerndes Anstehen zu belohnen. Es wird niemand gezwungen, dabei mitzumachen, und sicher ist es auch nicht jedermanns Sache, sich mit gönnerhaftem, bedeutsamem Gesichtsausdruck zurechtweisen zu lassen, wenn man mal die falsche Frage gestellt hat: „Du machst das hier zum ersten Mal, oder?“ Aber es ist definitiv eine Möglichkeit, wenn man unbedingt mal ganz vorn stehen möchte. Kritisch sehen kann man sicher den daraus resultierenden „Frontrow-Tourismus“ mancher Tournee-„Profis“, es hat nun mal nicht jeder die nötige Zeit zur Verfügung, um diesem Hobby nachzugehen.

Der Roll Call in Leipzig wirkt auf den außenstehenden Beobachter gut organisiert, die Teilnehmer schreiten geordnet und frohen Mutes zu ihrem eigenen Eingang. Der Einlass für das „normale Volk“ dagegen verläuft dann grenzwertig, als plötzlich die bis dahin „disziplinierte“ Schlange einfach überrannt wird und ein bedrohliches Gedränge einsetzt. Wenn so etwas bei einem Fußballspiel passiert, gibt es ohne Vorwarnung ordentlich Pfeffer in die Menge, so viel steht fest. So bleibt diesmal „nur“ das beängstigende Gefühl, durch einen Trichter gepresst zu werden. Es gibt schöneres. Der im Stadion gerade stattfindende Soundcheck hilft zum Glück ein wenig dabei, die beklemmende Enge zu überstehen.

Ich denke heute noch gern an die Rising-Tour 2003 zurück, als ich kurzentschlossen und ohne Eintrittskarte zum Konzert nach Hamburg gefahren bin, frühzeitig natürlich, und es dann sogar in die Pit schaffte – ohne Gedränge und Geschubse. Nun, dafür gibt es ja heutzutage FOS-Tickets, wobei man da durchaus auch mal ins sprichwörtliche Klo greifen kann: das hintere Ende des FOS 2-Bereiches in Leipzig hatte für meinen Geschmack mit Front of Stage nicht mehr viel gemein. Ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendein findiger Manager früher oder später auch die Plätze direkt vor der Bühne zu Extrageld machen wird.

Gegen halb sechs bin ich dann endlich im Stadion und finde einen recht ordentlichen Platz in Reihe drei hinter der Absperrung zum FOS-Bereich. Das ist schon ziemlich weit weg von der Bühne, aber noch dicht genug, um die Band auch mit bloßem Auge zu sehen. Die unmittelbar vor mir stehenden sind erfreulicherweise alle kleiner als ich, auch bleibe ich von Dränglern und Bierholern verschont. Nur die Fotos waren bei anderen Konzerten (beispielsweise zuletzt in Hannover) deutlich besser.

Auch nicht ganz unwesentlich: Mit zunehmender Bühnenentfernung sinkt direkt proportional die Wahrscheinlichkeit, dass man permanent auf die Rückseite eines Request-Schildes starrt. Der Schilderkrieg um die Aufmerksamkeit des Künstlers nimmt in der Tat langsam bizarre Ausmaße an. „I get an erection, if you play …” war auf einem Schild zu lesen, das einmal kurz auf der Videowand ins Bild kam. Mal ehrlich: Die Testicle-Geschichte in Hannover war originell, aber muss nun der gleiche Witz mit anderen Worten immer und immer wieder variiert werden? Muss denn immer noch jemand einen draufsetzen? Die Request-Schilder sind grundsätzlich ok, der Boss hat ja auch sichtlich Spaß beim Aussuchen. Aber müssen diese wirklich ununterbrochen hochgehalten werden? Das wäre mein persönlicher Albtraum: Der Boss rockt vielleicht in weniger als 10 Metern Entfernung vor mir und alles, was ich sehe, ist die Rückseite eines riesengroßen Pappkartons.

So, nun ist aber genug gemeckert, schließlich erlebe ich, nachdem alles überstanden ist, ein großartiges Konzert mit einigen persönlichen Höhepunkten:

Die Songauswahl insgesamt gefällt mir gut, mit dem Opener Roulette, den Titeltracks der beiden 92er Alben Human Touch und Lucky Town, Back In Your Arms, Sherry Darling und den Coversongs You Never Can Tell und Rockin‘ All Over The World sind gleich sieben persönliche Live-Premieren dabei, immerhin ein Viertel der Songs an diesem Abend. Allerdings ist das für mich nicht so entscheidend, um ein Konzert gut zu finden.

Wichtig sind mir intensive Momente wie der Vortrag von Back In Your Arms (übrigens ein Request, also wer hat hier etwas gegen die Schilder gesagt?) oder das zu Herzen gehende akustische Thunder Road zum Ende des Konzerts, mit dem Bruce selbst die bierseligen Krakeeler auf der Schnittchen-Tribüne zum Verstummen bringt.

Es ist die unbändige Spielfreude, mit der vor 45000 Zuschauern ein nicht geplantes, geschweige denn geprobtes You Never Can Tell mal schnell für Bläser und Background arrangiert und dann aufgeführt wird.

Es ist die Fähigkeit, ein phasenweise etwas reserviert wirkendes Sitzplatzpublikum mit Open All Night in handgestoppten 30 Sekunden fast vollständig zum Ausrasten zu bringen und die damit einher gehende liebenswerte Interaktion mit einer völlig in ihrem Tanz versunkenen Dame via Videowand (in diesem Zusammenhang darf auch mal die Bildregie gelobt werden).

Und nicht zuletzt sind es auch „Dauerbrenner“ mit Setlist-Stammplatz wie Badlands, Hungry Heart, Waitin‘ On A Sunny Day (inclusive der Kinder), Born To Run und … und … und …, bei denen sich die Stimmung wiederholt dem Siedepunkt nähert.

Im Zugabenteil erinnert Bruce noch einmal an das historische Konzert in Berlin-Weißensee vor fünfundzwanzig Jahren und widmet dann Born In The U.S.A. „… everybody old enough to have been there…“, bevor gegen 22:40 das bereits erwähnte Thunder Road einen würdigen emotionalen Schlusspunkt hinter einen rauschenden Abend und grandiose vier Deutschland-Konzerte in diesem Jahr setzt, von denen ich immerhin zwei miterleben durfte. Es wäre zu schön, wenn diese nicht die letzten blieben.

Ein bisschen Hilfe beim Übergang in die Bruce-lose Zeit gibt es in knapp zwei Wochen, wenn die Dokumentation „Springsteen and I“ in die Kinos kommt, bevor das Warten auf die nächste Tour beginnt.

Abschließend noch die Setlist zum Leipziger Konzert:

Roulette / Lucky Town / Badlands / Death to My Hometown / Sherry Darling (Request) / You Never Can Tell (Request) / Back in Your Arms (Request) / Hungry Heart / Spirit in the Night / Wrecking Ball / We Take Care of Our Own / Murder Incorporated / Human Touch / Open All Night / Cadillac Ranch / Shackled and Drawn / Waitin‘ on a Sunny Day / Lonesome Day / Land of Hope and Dreams / Light of Day

Born in the U.S.A. / Born to Run / Bobby Jean / Dancing in the Dark / Tenth Avenue Freeze-Out / Rockin‘ All Over the World

Thunder Road (Solo acc.)

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Ein Kommentar zu “Bruce Springsteen in Leipzig

  1. He, Springsteen-Fan und HansaFan in einem – wie bei mir 😉
    Schöner Bericht, ich war auch in Leipzig und dann am nächsten Sonntag sieht man sich beim „Besten Verein der Welt“ ( und ich meine nicht „Bayern“ 😉 ) AfdFCH.

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