Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Hannover Rock City

Ein Kommentar

Wann kommt man schon mal nach Hannover? Für mich gab es bisher nur selten Grund, mich hin und wieder an die Leine zu begeben. Dabei handelte es sich, was jetzt wahrscheinlich niemanden überrascht, ausschließlich um von mir besuchte Bundesligaspiele des FC Hansa Rostock im Niedersachsenstadion sowie ein Spiel im Confederation Cup 2005 (Brasilien – Mexico). Fußballerische Anlässe, nach Hannover zu fahren, habe ich derzeit nicht und so musste schon ein außergewöhnliches Ereignis kommen, mich dorthin zu locken. Dass Bruce Springsteen am 28. Mai 2013 für ein paar Stunden Hannover zur City of Rock’N’Roll macht, ist auf jeden Fall außergewöhnlich genug, soviel steht fest.

Gegen 15:30 erreiche ich am Tag der Tage Hannover, eine Parklücke am Schützenplatz ist schnell gefunden und okkupiert, also nichts wie hin zum Stadion. Ich habe zwar kein Front-of-Stage-Ticket, so dass ich auch nicht um Plätze am Bühnenrand kämpfen bzw. am sogenannten „Roll Call“ teilnehmen muss, zu weit hinten möchte ich aber auch nicht stehen. Als ich am Nordeingang des Niedersachsenstadions ankomme, sind die Eingänge noch verschlossen. Ich denke kurz über einen kleinen Blocksturm nach, nehme davon aber doch Abstand, ich bin offenkundig der einzige „Gute“ vor Ort.

Also lasse ich mich ersatzweise in der „Nordkurve“ nieder. Bei einem Bierchen wandern die Gedanken zurück ins Jahr 2005: Zum damaligen Gastspiel des FC Hansa bei Hannover 96 führte die Fanszene des FCH eine denkwürdige, maritime Mottofahrt mit legendärer Fisch-Choreographie durch, an die man sich in Hannover sicher heute noch gern erinnert – in Rostock auf jeden Fall. In stillem Gedenken an diesen großartigen Tag gönne ich mir ein Fischbrötchen (leckerer Räucherlachs) und warte, dass sich die Stadiontore öffnen.

Zwischendurch verrät mir ein Blick auf meine Eintrittskarte, dass sich der Einlass zum Innenraum auf der anderen Seite des Stadions befindet. Puh, das war knapp, da hätte ich doch fast den falschen Block gestürmt. Also greife ich mein halb ausgetrunkenes Bier und begebe mich in Richtung des Südeingangs, wo mich eine freundliche Ordnerin willkommen heißt.

Aber auch dieser Eingang ist noch nicht geöffnet, also schaue ich kurz beim Merchandising vorbei. Die Shirts sind genauso teuer wie 2012, so dass ich erneut von einem Einkauf absehe (später nach dem Konzert werde ich dann doch noch schwach). Dann stelle ich mich am Einlass an, wo die Menge noch überschaubar ist. Ich lasse ein wenig den Blick über die Anwesenden kreisen, höre aber sofort damit auf, als mir aus einer etwas tiefer hängenden Jeans ein männlicher … wie drücke ich das jetzt jugendfrei aus … also ein Maurer-Dekolleté unverschämt entgegenblitzt, dessen Besitzer zu allem Überfluss auch noch einen String trägt. Aah, Augenkrebs!

Ich überlasse daher ab jetzt wieder den Ohren die Regie und muss auch nicht lange warten, bis ich wie schon letztes Jahr in Berlin Zeuge angeregter Unterhaltungen werde. Es geht diesmal aber nicht um die große Philosophie, sondern zunächst um Fußball, zwei gemischte Pärchen um die 50 diskutieren über das zwei Tage zuvor stattgefundene Finale der Champions League. Besonders haben es dem Wortführer die im Stadion in der Bayern-Kurve verwendeten pyrotechnischen Erzeugnisse angetan. Wie um alles in der Welt haben die das bloß ins Stadion bekommen? Wieso versuchen die das überhaupt, wo doch jeder weiß, dass die Tommies bei Entdeckung verbotener Sachen keine Gefangenen machen, bzw. doch gerade das? „Die sind besonders clever, die zahlen so viel Geld, um sich dann festnehmen zu lassen und während des Spieles in der Zelle zu sitzen. Wirklich clever.“

Ich spüre das Verlangen, mich mit dem Sachargument einzumischen, dass diese „sogenannten Fans“ es doch immerhin ins Stadion geschafft haben, wo also das Problem liegt, aber das Thema hat schon wieder gewechselt. Irgendeine Freundin, auf die die vier noch warten, war beim letzten Konzert als Fahrerin eingeteilt, und hatte sich nach den ersten beiden Liedern erst mal ein bisschen hingelegt, um dann bei der Rückfahrt nicht zu müde zu sein. Kann man so machen, muss man sicher nicht. Ich erfahre leider nicht mehr, bei welchem Konzert das wohl war, denn in diesem Moment schlägt die Uhr fünf und der Einlass beginnt endlich.

Es geht – dem durchschnittlichen Alter der Konzertbesucher angemessen – äußerst gesittet zu, ohne mich übermäßig anstrengen zu müssen, finde ich einen guten Platz, fast mittig zur Bühne und nur knapp 5 Meter hinter der FOS-Absperrung. Auf dem Wege dahin habe ich sogar noch Zeit für eine kurze Verbeugung in Richtung Gästeblock, sehe vor meinem geistigen Auge noch einmal hunderte fliegende Fische und das später einer ähnlichen Flugbahn folgende Rade-Prica-Geschoss  zum 1:0-Auswärtssieg des FCH und nehme dann den Platz ein, den ich in den nächsten fünfeinhalb Stunden nicht mehr verlassen werde.

Um 17:20 Uhr ertönen plötzlich lautstarke „Bruuuuuuuuce!“-Rufe.  Rechts von der Bühne ist ein schwarzer Van vorgefahren, der Boss steigt aus, winkt kurz der Menge zu und verschwindet dann in den Katakomben. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit wird es wohl keinen akustischen Soloauftritt vor dem „eigentlichen“ Konzert geben, aber dafür werden wir später reichlich „entschädigt“.

Ich nutze die Zeit, um erst mal das Internet leer zu lesen. Interessanterweise werde ich bei 4square nach Neapel verortet, zur Piazza di Plebiscito (da hatte Bruce eine Woche vorher gespielt, übrigens mit Extra-Solo), irgendwie spielt GPS wohl verrückt, wenn der Boss in der Nähe ist. Meinen Lieblings-Follower bei Twitter veranlasst dies zu dem frechen Kommentar: Hannover oder Neapel – Hauptsache Neustrelitz. (Bitte fragt mich jetzt nicht nach Neustrelitz, Hansafans wissen Bescheid!)

Gegen 18:15 Uhr riecht es plötzlich intensiv nach erbrochenem Fischbrötchen. Ich schaue wie unter Zwang in Richtung Gästeblock, es wird doch wohl niemand … Aber da ist keiner zu sehen, der Block ist leer. Vielleicht gibt es ja ein Konzept „Sicheres Konzerterlebnis“, das Gästekarten bei großen Konzerten nicht vorsieht.

Während sich das Stadion mehr und mehr füllt, tut sich auch auf der Bühne etwas. Um 18:50 Uhr nehmen die Beleuchter ihre Plätze über der  Bühne ein, immer wieder beeindruckend, mit welch spielerischer Leichtigkeit sie die Strickleitern nach oben klettern. Fünf Minuten später erscheint Kevin Buell und bringt schon mal kurz mit der Boss-Gitarre die Membranen der Lautsprecher zum Vibrieren und den Puls der erwartungsfrohen Fans zum Rasen.

Dann nehmen die Kameraleute ihre Plätze ein, die Setlisten werden an den Plätzen der Musiker verteilt und ein paar Minuten später, genau um 19:32 Uhr betritt die E Street Band die Bühne, ab jetzt regiert der Boss. Drei Stunden und zweiundzwanzig Minuten lang schlägt das Herz des Rock’N’Roll in Hannover. Klingt komisch, ist aber so.

Los geht’s mit Land of Hope and Dreams, das also nicht nur als „Rausschmeißer“ hervorragend einsetzbar ist, sondern als Opener sofort die richtige Betriebstemperatur erzeugt und für das richtige Boss-Feeling sorgt.

Es folgt No Surrender mit der legendären Textzeile “We learned more from a three minute record than we ever learned in school“, dann gibt es We Take Care of Our Own und Wrecking Ball, bevor Bruce das erste Mal Wünsche einsammelt. Das Rennen macht My Love Will Not Let You Down, gefolgt von Death to My Hometown.

Bei Hungry Heart darf wie immer das Publikum die erste Strophe allein singen, was recht gut klappt, zur Belohnung gönnt sich Bruce ein Bier, das ihm von unten gereicht wird. Natürlich tut er das „auf Ex“, aber es sieht aus, als würde er dabei ein wenig schummeln, jedenfalls läuft eine Menge der kostbaren Flüssigkeit sein Kinn hinter. Dennoch ist er wohl auf den Geschmack gekommen, denn bevor es mit Spirit in the Night weitergeht, braucht er erst mal noch eins.

Jetzt ist wieder Zeit für Wünsche. Die Chancen, vom Meister erhört zu werden, steigen mit der Originalität des Wunsches, ein Schild mit der Aufschrift: „I’d give my right testicle to hear Drift Away“ erfüllt die Kriterien. Wer kann da nein sagen? Zu The E Street Shuffle wird noch einmal richtig gegroovet, bevor Atlantic City ein etwas ruhigeres Intermezzo einleitet. Jack of All Trades ist wieder ein Wunsch aus dem Publikum, wobei ich nicht ganz verstehe, warum sich jemand Songs des aktuellen Albums wünscht.

Nun ist Gänsehaut angesagt: beim Mundharmonika-Intro von The River läuft einem noch 30 Jahre nach dem ersten Hören ein Schauer nach dem anderen den Rücken hinunter. Zum ersten Mal höre ich dann Because the Night live, für mich wird es einer DER Höhepunkte des Abends: ein grandioser Song, bestens zum Mitsingen geeignet und ein in Hochform befindlicher Nils Lofgren, der bei seinem göttlichen Gitarrensolo wie besessen die Saiten bearbeitet, am Ende sogar mit den Zähnen. Bei seinen irrwitzigen Drehungen um die eigene Achse ist von künstlichen Hüftgelenken nichts zu merken.

Murder Incorporated stellt für mich eine weitere Live-Premiere dar, der Videodreh zu diesem Outtake aus „Born in the U.S.A.“ brachte 1995 die E Street Band erstmals seit dem Ende des Tunnel of Love Express wieder auf einer Bühne zusammen, auch der verlorene Sohn Little Steven war wieder dabei.

Bei Johnny 99 fasziniert und irritiert zugleich, wie aus einem eher spröden Song über ein sehr ernstes Thema am Ende ein richtiger Partykracher wird.  Von Open All Night, einem weiteren Nebraska-Stück hatte ich immer am meisten gehofft, es mal mit voller Bandbesetzung zu hören, die jetzt entstandene swing-ähnliche Version fand ich aber im Seeger Sessions Programm besser aufgehoben. Nichtsdestotrotz bringt der Boss damit innerhalb von nur 30 Sekunden (handgestoppt) 40000 „German asses“ in Bewegung.

Shackled and Drawn erklingt als letzter „Wrecking Ball“-Song, dann ist pure Party angesagt, die Songs bedürfen keiner weiteren Erklärung: Waitin‘ on a Sunny Day mit inzwischen obligatorischem Kinderauftritt („Come on E Street Band!“), Radio Nowhere, The Rising und Badlands, bevor ein furioses Light of Day den „offiziellen“ Teil abschließt.

Der Zugabenteil beginnt dann noch einmal mit einem Wunsch: Roll of the Dice in einer sehr schönen Akustikversion lassen alle noch einmal durchatmen, dann explodieren Band und Publikum:

Born in the U.S.A., Born to Run, Seven Nights to Rock, Dancing in the Dark, Tenth Avenue Freeze-Out und American Land.

Um 22:50 geht eine Wahnsinns-Show zu Ende. Hannover ist jetzt wieder einfach nur Hannover und ich freue mich auf den 7. Juli. Dann wird Leipzig für einen Abend zum Zentrum der E Street Nation.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Hannover Rock City

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s