Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Große Oper

Ein Kommentar

Habt ihr auch die Adventsbotschaft des heiligen Joseph vernommen?

 Zürich (SID) – FIFA-Präsident Joseph S. Blatter hat den Besuch eines Fußballstadions mit einem Gang in die Oper verglichen und sich daher für ein generelles Alkohol- und Tabakverbot in den Arenen ausgesprochen. ‘Fußball ist ein Kulturgut‘, wird der Chef des Weltverbandes in der Schweizer Zeitung Blick zitiert: ‘Deshalb müssen wir Alkohol und Tabak aus den Stadien nehmen. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand im Konzertsaal oder der Oper trinkt und raucht.‘“ Seine Ideen äußerte der 76-Jährige auf einer Gala des Branchenverbandes Walliser Wein.

„Wir müssen uns jetzt in den Stadien ein bisschen erheben und damit aufhören“, sagte Blatter. In vielen Stadien gibt es bereits rauchfreie Bereiche oder Lightbier-Ausschank.

Quelle: u. a. 11 Freunde

Ich sage: Richtig so, endlich bekommen die Begriffe Fußball- und Fankultur Inhalt. Dafür gebührt dem Vordenker und weltweit geliebten Symbol dessen, was gemeinhin als moderner Fußball bezeichnet wird, Dank und Anerkennung. Anders ausgedrückt: Endlich sagt es mal einer!

Aber reicht das schon? Ich denke nicht. Gibt es vielleicht in der Oper Stimmungsblöcke, in denen laut gesungen oder gehüpft wird. Steht da vielleicht jemand in einer spannenden Szene vor Aufregung plötzlich auf? Gibt es da überhaupt Stehplätze? Eben!

Fußball ist ein intellektuelles Gut. Deshalb müssen wir all die niveaulosen Zwischenrufe aus den Stadien nehmen. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand im Konzertsaal oder der Oper schimpft und flucht.

Was können wir noch von Oper und Konzertsaal lernen? Für auswärtige Besucher gibt es kein gesondertes Kartenkontingent, also sollten auch wir uns in den Stadien ein bisschen erheben und damit aufhören.

Aber das Leben ist keine Einbahnstraße, selbstverständlich kann auch die Kultur vom modernen Fußball lernen.

Wieso, zum Beispiel, gehen die chronisch klammen Theater bei der Finanzierung nicht neue Wege und lassen beliebte Szenen oder die Zuschauerzahl von mittelständischen Sponsoren aus der Region präsentieren? Welche Apotheke lieferte das Gift für die Sterbeszene in Romeo und Julia? Kann man die Klinge, mit der sich König Richard III. die Kehle durchschneidet, bei Eisen-Karl oder bei OBI kaufen?

Was ist eigentlich mit den Namensrechten der großen Kulturstätten?  „Hänsel und Gretel“ in der Pampers-Staatsoper – welcher Marketingmensch bekommt da nicht feuchte Hände? Und überhaupt – wie sieht es mit der TV-Vermarktung aus?

Kartenkontrolleure und Platzanweiser könnten graue Overalls tragen und mit grimmigen Gesichtern die Besucher vor dem Betreten des Saales durchsuchen, natürlich mit Abtasten und allem Drum und Dran, versteht sich. Sonst schleichen sich am Ende doch noch Chaoten ein, die an kaum vorstellbaren Körperteilen Alkohol oder Tabak in den Konzertsaal schmuggeln wollen.

In Wahlkampfzeiten könnten sich Politiker medienwirksam im Parkett, erste Reihe, oder in einer Loge der Öffentlichkeit zeigen. Ach, das geschieht bereits? Umso besser.

Auch vom Rahmenprogramm im Stadion lässt sich so manches übernehmen. In Umbaupausen könnten per Gewinnspiel lokaler Radiostationen ausgesuchte Kandidaten vorführen, dass sie nicht singen können – ähnlich den Schussversuchen junger Mädchen in Stöckelschuhen in der Halbzeit beim Fußball. Dem Verlierer droht dann ein Konzert- Abonnement für die Themenreihe Zwölftonmusik im Orchestergraben.

Okay, jetzt wird es albern. Deshalb noch ein paar ernsthafte Worte zum Schluss.

Ich habe vor fast 24 Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Ich brauche, um Fußball im Stadion zu genießen, nicht unbedingt alkoholische Getränke, wobei gerade in der jetzigen Jahreszeit ein Becher Glühwein ebenso wenig zu verachten ist wie ein gut temperiertes Bierchen im Sommer. Aber wie gesagt, ich halte es die zwei Stunden im Stadion durchaus auch ohne aus.

Nicht auszuhalten ist die Impertinenz und Penetranz, mit der geldgeile Funktionäre in höchsten Ämtern dem Fußball Stück für Stück die Seele aus dem Leib reißen, bis dieser schöne Volkssport endgültig zum voll kommerzialisierten, fernsehgerecht gestylten und minutiös inszenierten Hochglanzprodukt verkommen ist. Ist dieser Prozess noch aufzuhalten? Ich weiß es nicht, es sieht jedenfalls nicht gut aus.

Reclaim the game!

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Ein Kommentar zu “Große Oper

  1. Das ist wieder mal die derzeit moderne Regelungswut. Klar gibt es bei jedem Spiel Leute, die nicht wissen, wieviel sie vertragen und die anschließend Scheiße bauen. Aber deshalb Bier und Glühwein gleich ganz verbieten zu wollen ist lächerlich. Das würde auch wenig bringen, die ganz Harten würden entweder Stoff ins Stadion schmuggeln (Plastikflachmann im Stiefel, was weiß ich) oder eben reichlich vorgeglüht kommen. Und wer stänkern will tut das auch ohne Suff.

    Außerdem wird in der Oper auch getrunken, zumindest in den Pausen. Allerdings eher Sekt oder Cognac in feinen Gläsern, und die wenigsten randalieren hinterher. Das deutet aber nur darauf hin, dass der Alkohol wohl nicht das eigentliche Problem ist.

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