Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Zurück in die Vergangenheit

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Der alljährliche Adventsbesuch bei meiner Familie im heimatlichen Altenburg fiel in diesem Jahr auf ein fußballtechnisch fast perfektes Wochenende. Fast perfekt, weil das Hansaspiel bei den Stuttgarter Kickers „daran glauben“ musste. Andererseits blieb mir so eine sportliche Enttäuschung mit Ansage erspart. Und immerhin hielten die Ansetzungen der unteren Ligen doch Spiele zweier Vereine bereit, bei denen ich in meiner Jugend oft im Stadion war, beide noch dazu so günstig terminiert, dass es gar nicht auffiel, wenn ich zwischen Mittagessen und nachmittäglichem Kaffee mal kurz verschwand. Und so konnte ich sowohl Motor Altenburg als auch den 1. FC Lok mal wieder beehren.

Motor Altenburg – SC 1903 Weimar 2:1 (1:1), Thüringenliga, 01.12.2012

Gast im Altenburger Waldstadion war der SC 1903 Weimar, ich vermute mal Nachfolger der früheren BSG Motor Weimar, die zu DDR-Liga-Zeiten schon Gegner der Altenburger war. Aufgrund der Witterungsverhältnisse musste das Spiel auf dem Kunstrasen im alten Waldstadion, einer überaus traditionsreichen  Sportstätte, ausgetragen werden. So spielte dort in den 50er Jahren eine Altenburger Mannschaft ein paar Jahre in der Oberliga. Und auch ich selbst habe angenehme Erinnerungen an frühe sportliche Erfolge: Im Alter von 13 Jahren habe ich auf der Aschenbahn meinen ersten Spartakiadesieg erkämpft, über 3000 Meter in 10:20 Minuten. So schnell bin ich danach übrigens nie wieder gewesen.

Ein Teil der Aschenbahn musste inzwischen besagtem Kunstrasen weichen. Die Motor-Elf trägt ihre Punktspiele normalerweise nebenan im „neuen“ Stadion aus, das inzwischen leider einen Sponsorennamen trägt. Wie man sieht, macht der Arenenwahn auch vor unteren Spielklassen nicht halt. Die Begeisterung gerade der älteren Altenburger über den neuen Namen hält sich sehr in Grenzen, allein – verhindern konnten sie ihn auch nicht. Das ist bitter, denn ich denke gern an die 70er und frühen 80er Jahre zurück, als Motor in der Bezirksliga einen Zuschauerschnitt von 3000 hatte, oder an Spiele in der DDR-Liga, bei denen nicht selten 6000 bis 7000 Fans die Tribünen bevölkerten – gegen Chemie Leipzig waren es einmal sogar 11000. Auch ein FDGB-Pokalfinale vor 25000 Zuschauern (1963) oder ein Spiel des UEFA-Juniorenturniers 1980 wurden in „meinem“ Stadion ausgetragen.

Diese Zeiten sind jedoch lange vorbei, inzwischen kann man froh sein, wenigstens wieder in der Verbandsliga zu spielen. Nach holprigem Saisonstart war die Mannschaft zuletzt wieder ganz gut in Tritt gekommen und sicherte sich nun auch gegen kämpferisch starke Weimarer mit einem knappen 2:1 (1:1) drei wichtige Punkte. Ob es in naher oder ferner Zukunft in Altenburg noch weiter nach oben gehen kann (letzte Saison verpasste man knapp den Aufstieg in die Oberliga), steht in den Sternen. Die Konkurrenz in Thüringen ist groß und dann gibt es ja auch noch den ungeliebten, aber auch erfolgreicheren Kreisnachbarn in Meuselwitz. Der empfing am Sonntag den 1. FC Lok Leipzig.

ZFC Meuselwitz – 1. FC Lok Leipzig 2:1 (0:0), Regionalliga Nordost, 02.12.2012

Die Anfahrt zum Spiel absolvierte ich sicherheitshalber in einem Fahrzeug mit einheimischem Kennzeichen und ohne jegliche Fußballdekoration. Kenner des deutschen Fußballs und der einschlägigen „Sicherheitskonzepte“ wissen: Das sind immer die Verdächtigsten und so hatte ich vorsichtigerweise saubere Unterwäsche angezogen. An der Zufahrt zum Stadion stellte man mir dann auch gleich zum ersten Mal die Frage: „Meuselwitz-Fan?“ (Anm. von mir: Erstens – als ob es da welche gäbe. Zweitens – sehe ich wirklich so aus?) Antwort: „Ich bin Neutral, Linda Neutral.“  Also durfte ich umkehren und den Parkplatz Z3 ansteuern, der für Leute wie mich auf einer wild wuchernden Wiese eingerichtet worden war. Vom Einweiser erneut befragt, ob ich Meuselwitz-Fan sei, verneinte ich wiederum, was mir einen befestigten Stellplatz mit guter Sicht auf die liebevoll in blau-gelb dekorierten Fahrzeuge mit Leipziger Fans einbrachte, die wohl sehr überzeugend ihre Neutralität belegen konnten. Was soll’s – Sorgen machen muss man sich bei denen nicht, die sind ja nicht mal in der Randaletabelle gelistet, so was lasches.

Auf dem Weg vom Parkplatz zur „Bluechip Arena“ (so heißt das Ungetüm, in dem der Zipsendorfer Fußballclub seine Heimspiele austrägt), entlang einer überirdischen Rohrleitung, die etwas vorlaut mit „Forza ZFC“-Tags verziert worden war, konnte ich aus der Ferne schon echte Stadionatmosphäre aufsaugen. „He, wir woll’n die Eisbären sehen, ho-ho-ho-ho-ho“ schallte es mir entgegen. Zu den eisigen Temperaturen passte der Gassenhauer ja schon irgendwie, aber tut das beim Fußball wirklich not? Anscheinend ja, später wurde dann auch noch der Sieg der Meuselwitzer Kegler gegen Nobitz bejubelt. 12 Holz Vorsprung – das ist beim Kegeln bestimmt ein Kantersieg, ich kenne mich da nicht so aus.

An der Stadionkasse wurde ich nicht gefragt, ob ich Meuselwitz-Fan wäre, ich bekam ohne weitere Sicherheitsfragen eine Sitzplatzkarte ausgehändigt. Reihe und Platznummer wurden handschriftlich notiert und auf einer Liste abgestrichen, hat man auch nicht mehr oft. Was für Chips sind das eigentlich – diese Bluechips? Ich frag ja nur. Ins Stadioninnere gelangte ich dann ohne die übliche Abtastprozedur – schade, gerade bei den gefühlt arktischen Temperaturen hätte ein bisschen menschliche Nähe nicht schaden können. Und wozu hatte ich nun extra frische Wäsche angezogen? So ließ ich mich dann schräg gegenüber des Gästeblockes nieder und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Das Stadionheft („Arena News“) war ganz ordentlich gestaltet, zu meinem Erstaunen fand sich sogar eine Anzeige der aktuellen Initiative „Ich fühl‘ mich sicher“, dafür gab es doch glatt einen Sympathiepunkt. Der war dann aber bei der Vorstellung des Gastvereines schnell wieder verspielt (siehe Foto unten). In Berlin-Köpenick wird man sicher begeistert sein über den neuen Untermieter, ob der ZFC hier Maklercourtage beansprucht, ist nicht bekannt.

Zum Spiel hatte man von Meuselwitzer Seite mit bis zu 3500 Zuschauern gerechnet, dieses Ziel wurde mit 1905 Besuchern deutlich verfehlt, was sicher auch auf die unangenehme Witterung zurückzuführen ist. Etwa 800 bis 900 Blau-Gelbe hatten sich hinter einem gut beflaggten Zaun im Gästeblock eingefunden und lieferten später über weite Strecken einen ganz anständigen Support ab. Dabei verzichteten sie völlig auf Pöbeleien gegen die Gastgeber, obwohl dieser Club doch geradezu danach schreit, ordentlich gedisst zu werden. Lok ist auch nicht mehr, was es mal war. Auch blieb es, mit einer kleinen Ausnahme, auf den Rängen rauchfrei, ohne den Einsatz der Feuerlöscher wäre das dünne Flämmchen vermutlich von den übrigen Zuschauern unbemerkt erfroren. Support auf der Heimseite blieb bis auf vereinzelte glühwein-geschwängerte „ZFC!“-Rufe von der Haupttribüne Fehlanzeige.

Auf dem Platz ging es eine Halbzeit lang ebenfalls recht beschaulich zu, Meuselwitz hatte deutlich mehr Spielanteile, aber Lok stand in der Abwehr sehr abgeklärt und ließ kaum nennenswerte Chancen zu. Die eigene Offensive konnte nur wenige Akzente setzen und so stand es zur Halbzeit 0:0.

In der 2. Hälfte entwickelte Lok dann tatsächlich so etwas wie Offensivdrang und erzielte mit dem ersten konsequent zu Ende gespielten Angriff über die rechte Seite nach Flanke in den Strafraum mit unhaltbarem Kopfball aus Nahdistanz das 0:1. Leider war es danach mit der blau-gelben Herrlichkeit vorbei, die Gastgeber nahmen das Heft des Handelns wieder in die Hand und schafften es tatsächlich, das Spiel zu drehen und am Ende aufgrund des größeren Siegeswillens die drei Punkte zu sichern.

Die mir inzwischen mehrfach gestellte Frage, ob ich mir vielleicht kommende Hansa-Gegner angesehen hätte, kann ich mit einem entschiedenen vielleicht beantworten. Also ein Spiel gegen Lok hätte durchaus einen gewissen Reiz, nach Meuselwitz muss ich nicht unbedingt wieder, zumal ich da ja auch schon mit unseren Amateuren war. Aber am Ende machen die ja doch alle, was sie wollen. Einen potenziellen Spieler für den FCH konnte ich auch noch entdecken. Die Meuselwitzer Nummer 7, Mirko Kotowski, konnte zwar spielerisch nicht aus seiner Mannschaft herausragen, das muss er bei uns aber auch nicht. Dafür hatte der Spieler seine Rückennummer auf den Hals tätowiert. DIE SIEBEN!! Alles klar?

Zwischen beiden Spielen stand übrigens auch noch Kultur auf dem Programm – die Crushing Caspars spielten am Sonnabend mit Unterstützung lokaler Szenegrößen in der Altenburger Music Hall zum Tanze auf. Mehr darüber folgt vielleicht demnächst hier im Blog.

Bis dahin wünsche ich allen, die diese Seite hier besuchen, eine schöne Adventszeit.

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