Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Rock’n’Roll Future is now

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Am 30. Mai 2012 legen Bruce Springsteen & The E Street Band mit der Wrecking Ball Tour im ausverkauften Berliner Olympiastadion einen Zwischenstopp ein. Keine Frage, dass ich mir sofort nach Erhalt des Ticketalarms bei Eventim meine Karte gesichert habe, denn wenn man irgendetwas auf dieser Welt auf keinen Fall versäumen sollte, dann ist das ein Konzert vom Boss.

Mein persönlicher Einstieg in seine Musik fiel zusammen mit dem Erscheinen seines kommerziell erfolgreichsten Albums „Born In The U.S.A.“. Natürlich hatte ich das eine oder andere Lied schon mal gehört, Songs wie „Hungry Heart“, „Born To Run“ oder „The River“ liefen ja auch im Radio, das für den durchschnittlichen Musikfreund in der DDR den wesentlichen Zugang zu aktueller internationaler Musik bildete. Ich weiß nicht mehr, wann genau ich mich Mitte der 80er Jahre mit dem Boss-Virus infiziert hatte, ich erinnere mich aber noch, dass es einer der weniger spektakulären Tracks von „Born In The U.S.A.“ war, nämlich „I’m Goin’ Down“, das es nicht in die Top 10 der Billboard Charts geschafft hatte, was immerhin sieben der insgesamt 12 Stücke gelungen war.

Von nun an hörte ich aufmerksamer hin, wenn der Name Springsteen fiel, und begann, seine Songs nach und nach zu „sammeln“. Downloads, wie man sie heute kennt (sorry, aber dieser kleine Exkurs für die heutige Internetgeneration muss sein, hier lesen ja auch Jüngere mit), gab es damals noch nicht. Es sah dann so aus, dass man seine Abende am Kassettenrecorder verbrachte und versuchte, möglichst viel aufzuzeichnen und auf Magnetbandkassetten zu archivieren. Da man natürlich auf das gesendete Material angewiesen war, konnte sich das schon mal eine Weile hinziehen, bis man ein Album komplett zusammen hatte – ganz zu schweigen von der schon damals grassierenden Unsitte vieler Moderatoren, in den Anfang oder den Schluss eines Liedes hinein zu labern.

Es gab dabei natürlich rühmliche Ausnahmen, so sendete DT 64, das DDR-Jugendradio, täglich unter dem Motto „Duett – Musik für den Recorder“ ein Stunde lang jeweils komplette Plattenseiten, und zwar absolut mitschnitttauglich, also ununterbrochen und ohne Fremdgeräusche am Anfang und Ende. Auf diese Art und Weise gelangte ich tatsächlich in den „Besitz“ von „Born In The U.S.A“ oder später sogar des kompletten 5 LP-Sets „Live 1975-1985“.

Das war natürlich nicht damit vergleichbar, eines der Alben mal in der Hand zu halten oder gar im eigenen Plattenregal stehen zu haben, aber nicht umsonst sagt schon ein altes Sprichwort: Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Dennoch wollte es eine glückliche Fügung, dass meine Großeltern mir Ende 1986 von einer Besuchsreise das Objekt meiner Begierde „aus’m Westen“ mitbrachten. Ich werde nie vergessen, wie ich die Scheibe das erste Mal aus der Verpackung nahm und auf den Plattenteller legte, diesen mit 33 Umdrehungen in Bewegung setzte, vorsichtig mit dem Antistatiktuch über die Oberfläche strich und behutsam den Tonabnehmer auf die Rille senkte, um dann wie gebannt den ersten Akkorden des Titeltracks zu lauschen. Wie im Rausch zog erst die A-, dann die B-Seite an mir vorbei, während ich Wort für Wort die mitgelieferten Texte verschlang, es war gigantisch. In einer Zeit wie heute, wo man alles kaufen kann, wenn man will und vor allem wann man will, ist das sicher schwer nachzuvollziehen, aber so ging es mir damals.

Es gelangte später noch die eine oder andere Platte auf diese Weise in meinen Besitz, unter anderem auch Springsteens „Tunnel Of Love“ von 1987. Ich erinnere mich auch gut daran, wie ich Ende 1989 bei meinem ersten eigenen Ausflug ins „Gelobte Land“ vom Begrüßungsgeld das Live-Set 1975-1985 für nur 39,90 DM gekauft hatte. Ja, NUR 39,90 DM, ich konnte es kaum fassen – so wie andere es nicht verstanden, wie man wertvolle harte Währung (an Währungsunion oder gar Wiedervereinigung dachte zu diesem Zeitpunkt wirklich noch niemand) für „so etwas“ vergeuden konnte, damit hätte man schließlich auch Handwerker schmieren oder seltene Kfz.-Ersatzteile kaufen können.

Dass ich mir seitdem nach und nach alle Springsteenalben zugelegt habe, versteht sich von selbst, zunächst noch auf Vinyl und VHS, später dann auf CD und DVD. Aber dieses „erste Mal“ wird immer etwas Besonderes bleiben.

Bruce hat seit 1973 17 Studioalben veröffentlicht. Meine persönlichen Top 3 sind:

Tunnel Of Love (1987)

Nebraska (1982)

The River (1980)

Meine Songfavoriten – hier erlaube ich mir 5 zu nennen – sind:

One Step Up

Downbound Train

No Surrender

Badlands

10th Avenue Freeze Out

Sowohl die Alben als auch die Songs stammen aus den 70er und 80er Jahren, die unbestritten die erfolgreichste Phase seines langjährigen Schaffens und den Höhepunkt seiner Popularität markierten. Das bedeutet nun nicht, dass die späteren Werke „schlecht“ wären, aber selbst ein Boss hat natürlich nicht den Platz auf dem Gipfel auf Lebenszeit gepachtet und auch er wird gemeinsam mit seinen Fans älter, während Jüngere nachrücken.

Nach dem Riesenerfolg und dem Megahype der 80er Jahre kann man ihm zumindest eines nicht vorwerfen: Er hat nie versucht, seinen großen Erfolg einfach zu kopieren und so zu konservieren. Die in nun größeren Abständen erscheinenden Alben zeigten einen Boss, der thematisch und stilistisch neue Wege beschritt, zeitweise auf Solopfaden wandelte oder mit den Seeger Sessions die Folk-Einflüsse seiner Jugendzeit aufarbeitete, was nicht immer ungeteilte Begeisterung bei Hardcore-Fans auslöste. Zwischenzeitlich veröffentlichte Compilations mit älteren Songs, die es aus verschiedensten Gründen nicht auf die einzelnen Alben geschafft hatten, wie das CD-Viererset „Tracks“ (1998) oder die Darkness-„Outtakes“ „The Promise“ (2010) halfen natürlich mit, dass orthodoxe Boss-Jünger bei der Stange blieben, wobei sich eine bloße Reduzierung auf diesen einen Teilaspekt verbietet.

Letztlich war es immer so und wird wohl auch so bleiben, dass neue Alben für den Boss vor allem ein willkommener Anlass für ausgedehnte Tourneen durch die ganze Welt waren und sind. Ein Abend mit Bruce Springsteen gehört mit zum Großartigsten, was man als Konzertbesucher erleben kann. Ich hatte seit 1988 sechsmal das Vergnügen und werde, bevor endlich die „Abrissbirne“ im Olympiastadion geschwungen wird, noch einmal in meinen Erinnerungen kramen und dies zur Einstimmung darauf hier in loser Folge veröffentlichen:

19. Juli 1988             Tunnel Of Love Express      Berlin-Weißensee, Radrennbahn

29. Mai 1999            Re-Union Tour                      Berlin-Wuhlheide, Parkbühne

22. Mai 2003            The Rising Tour                    Gelsenkirchen, „AufSchalke“

12. Juni 2003            The Rising Tour                    Hamburg, Volksparkstadion

27. Juni 2005            Devils & Dust                        Hamburg, Colorline Arena

12. Oktober 2006     Seeger Sessions live          Hamburg, Colorline Arena

Abschließend für heute ein berühmtes Zitat – wohl der meist zitierte Satz, der je über den Boss gesagt wurde:

“I saw rock and roll future and its name is Bruce Springsteen.” (Jon Landau, 1974)

Ausverkaufte Stadien knapp 40 Jahre später – der Mann hat(te) Recht.

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2 Kommentare zu “Rock’n’Roll Future is now

  1. Juni 1985, Frankfurter Waldstadion, ausverkaufte Hütte bei der „Born in the U.S.A.-Tour, Konzert beginnt um 19.00 Uhr und kurz vor Mitternacht bringt er völlig erledigt die letzte Zugabe. Das war einfach großartig. So großartig, dass ich kurze Zeit später nach Bremen gefahren bin und mir das noch einmal im Weserstadion gegeben habe.

    Haach. Und schön, dass Sie auch das weniger bekannte „I´m going down“ gut finden, das hatte es mir damals auch besonders angetan. Und was war ich traurig, als letztes Jahr Clarence Clemons starb. Er ist schuld, dass ich irgendwann angefangen habe, Saxophon zu spielen.

    • Ja, das war sehr traurig, gerade wenn man sieht, welche Vitalität und Kraft Clarence auf der Bühne immer ausstrahlte. Eigentlich ist die E Street Band ohne ihn nicht denkbar. Ich habe gelesen, dass einer seiner Neffen mit auf Tour geht und einen Teil der Saxophon- Parts übernehmen wird.

      Jetzt heißt es bis Mai wieder Textkenntnisse aufzufrischen. Ich freue mich wahnsinnig darauf, zumal auch meine Tochter mitkommen wird, die sich schon seit Jahren gewünscht hat, den Boss mal live zu sehen.

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