Hanseator

Musik, Fußball und manchmal auch ein bisschen Hansa

Der Mythos lebt

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Die Länderspielpause in den oberen Ligen machte es möglich, dass ich mal wieder ein Spiel des Rostocker FC besuchen konnte, den das Pokallos zum Achtelfinale in das Grabower Waldstadion gegen die dortige SG Ludwigslust/Grabow 03 antreten ließ. In der Saison 2009/10 war ich ja so eine Art Glücksbringer für die Rostocker, die es mit meiner bescheidenen Unterstützung bis ins Finale brachten, in dem sie dem Torgelower SV nur knapp unterlagen. In der darauf folgenden Saison war dann nach einem 0:1 gegen den FC Hansa im Achtelfinale Endstation. Da ich damals natürlich den FCH unterstützt hatte, gab es noch etwas gutzumachen, und so musste ich nach der Auslosung nicht lange überlegen, welches der im Schweriner Umland stattfindenden Pokalspiele ich besuchen würde.

So verschlug es mich also zum ersten Mal ins einsam (die Einheimischen werden wahrscheinlich sagen „idyllisch“) gelegene Grabower Waldstadion, wo die SG 03 ihre Heimspiele austrägt. Der Weg dorthin ist recht gut ausgeschildert, dennoch beschlich mich bei der Fahrt durch menschenleere Straßen (es war Sonnabendmittag) und anschließend über Waldwege ein ungutes Gefühl, hinter jedem Baum rechnete ich mit unheimlichen Gestalten. Ich sollte wohl weniger Splatterfilme über Autopannen in einsamen nordamerikanischen Wäldern anschauen. Jedenfalls kam ich unbehelligt eine Viertelstunde vor dem Anpfiff am Sportplatz an.

Absoluter Blickfang im Waldstadion ist das Sozialgebäude mit einer verandaartig vorgelagerten überdachten Holztribüne, das ganze erinnert sehr an vierte oder fünfte Liga in Holland oder Belgien. Erster Eindruck: nicht schlecht, hier kann man Fußballtradition riechen. Im Gebäude befindet sich ein kleiner Raum, an dessen Wänden die Geschichte des Heimvereines, besser gesagt ein Teil davon, nämlich der die ehemalige BSG Empor Grabow/Grabower FC betreffende, stolz präsentiert wird. Jede Menge alte Fotos, Wimpel und Plakate zeugen von langer Fußballtradition, in den 90er Jahren war übrigens auch der „1. FC Hansa Rostock“ mal hier zu Gast. Weitere Zeitungsausschnitte und Devotionalien erinnern an Grabows berühmtesten Ex-Spieler, den früheren Fußballprofi bei Hannover 96, Arminia Bielefeld und dem Hamburger SV und Stuhlwarmhalter für Frank Arnesen – the one and only Bastian Reinhardt, ohne jeden Zweifel ein Mythos, glaubt man den Einheimischen.

Überhaupt ist in der Heimat der „Küsschen“, wie die dort produzierten cremigen Kalorienbömbchen politisch korrekt genannt werden, ein starker Hang zum Okkulten festzustellen. So verkündet ein Schal, der mit Klammern an einer Wäscheleine befestigt ist, die im Rechteck unter dem mittleren Tribünendach verläuft, die Botschaft: „Der Mythos lebt“. Als nichts gegen Tradition und Verklärung – welcher Fußballverein macht das nicht? Aber „Mythos Grabow“? Ich weiß ja nicht. Obwohl – die während des Spiels immer mal wieder angestimmten Schlachtgesänge haben schon gewissen Kultstatus. Kleine Kostprobe gefällig?

Empor … Empor … eieieieiei …! Oder: Empor vor – noch ein Tor!

Man schließt kurz die Augen und wähnt sich bei Adi und Angelika, die zur großen, spannenden und wie so oft alles entscheidenden Abschlussstaffel von „Mach mit! Mach’s nach! Mach’s besser!“ aufrufen.

Sehr beeindruckend ist die große Toleranz gegenüber Minderheiten, die man im ländlich geprägten Westmecklenburg in dieser Ausprägung gar nicht erwartet hätte. So präsentierte ein anfangs leicht, später immer stärker angetrunkener sympathischer Endvierziger wiederholt voller Stolz seinen Lunikoff-Schal (nicht etwa ein Werbe-Gimmick einer früher angesagten Wodka-Sorte) – jederzeit  bereit, allen diesbezüglichen Anmerkungen schlagende Gegenargumente zu bieten. Man sieht, Minderheiten können dort noch frei und unbehelligt das Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen. Oder ist das vielleicht gar keine Minderheit?

Aber die Gegend hat natürlich noch ganz anderes zu bieten, und zwar große Kunst. Von Jahr zu Jahr geben sich die Superstars die Klinke zum Ludwigsluster Schlosspark in die Hand, 2012  ist Elton John an der Reihe. Tja, nach Rostock kommt der nicht, wie uns wiederholt von einem begeisterten Fan unter die Nase gerieben wurde. Aber das ist vielleicht doch ganz gut so – denn wer hält schon jahrelang den Spagat zwischen Elton John und Luni aus? – Eben!

Jetzt bin ich aber ganz schön abgeschweift, schließlich stand ja ein Fußballspiel auf dem Programm. Und das hatte es in sich, das Ergebnis ist bekannt.

Zum Spielverlauf kann man einen recht sachlich gehaltenen, selbstkritischen Bericht auf der Homepage des Rostocker FC nachlesen. Und die Leistung der höherklassigen Gäste in der ersten Halbzeit konnte tatsächlich niemanden vom Hocker reißen. Dass eine Mannschaft keine Einstellung zu Spiel und Gegner findet, ist nicht neu, gerade gegen hoch motivierte Mannschaften aus niedrigeren Spielklassen passiert das gar nicht so selten. Die Qualität einer Mannschaft zeigt sich aber gerade in solchen Situationen, wenn sie Rückschläge (welche Untertreibung angesichts zweier Gegentore und eines Platzverweises innerhalb von zwei Minuten!) wegsteckt, Enttäuschung und Wut in positive Energie umwandelt und mit Leidenschaft und Einsatz um den Erfolg kämpft. Diese Rostocker Mannschaft hat diese Qualität bewiesen.

Aber manchmal reicht die beste Qualität nicht aus, wenn es die Umstände oder handelnde Personen nicht zulassen. Mit unfassbar einseitigen, überharten Entscheidungen, die in den Augen des (zugegeben nicht ganz unvoreingenommenen) Beobachters schon an Vorsatz grenzten, dezimierte der Schiedsrichter die tapfer kämpfenden Gäste so stark, dass es am Ende mit drei Spielern weniger einfach nicht reichen konnte. Ich gehe nun schon seit 35 Jahren regelmäßig zum Fußball, habe dabei Spiele in allen möglichen Ligen von der Kreisklasse bis zur Bundesliga gesehen. Dennoch kann mich nicht erinnern, jemals eine derart krass einseitige Spielleitung zum Nachteil einer Mannschaft erlebt zu haben, mit einer Ausnahme vielleicht, das war 1986 beim Spiel 1. FC Lok Leipzig gegen BFC Dynamo.

Wünschen wir dem RFC, dass die Mannschaft diesen Tiefschlag schnell wegsteckt und sich schon im nächsten Verbandsligaspiel gegen „Pommern“ Greifswald über ein Erfolgserlebnis freuen darf. Wenigstens halten die sich nicht für einen Mythos.

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2 Kommentare zu “Der Mythos lebt

  1. Der Traditionsverein Grabow war 1936 mecklenburgischer Meister, der RFC übrigens der 1. Meister 1905, Gruß Freddy

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